Schade, doch k(l)ein Venediger

Großvenediger, Kleinvenediger: Geschwister können unterschiedlich sein. Aber wenn es darauf ankommt, halten sie zusammen.

Wie Pech und Nebel.


Von Matrei auf den Kleinvenediger (3468m)
31 Kilometer, 2200 Höhenmeter 

Von Gabriel Egger 



Zumindest ein Gewehr hätten sie uns geben können. Ein leichtes Kleinkaliber mit einem Schaft aus Carbon und schulterhöhe Stöcke zum Anschieben, damit das mit dem Vorankommen schneller geht. Dann wäre dieser Langlauf ein Biathlon und die sechs Kilometer vom Matreier Tauernhaus bis zur Brücke über den Gschlößbach aufregender.

Es ist kurz nach sieben Uhr morgens, der Schnee in den schattigen Hängen ist noch hart wie Beton und unser Tag schon mehr als vier Stunden alt. Er hat in Aurolzmünster, Oberösterreich, begonnen. Da war es 2.45 Uhr und Moritz hat seinen hellen Nissan in die dunkle Nacht gelenkt. Bis nach Eugendorf, Salzburg, wo wir zu Michael und Michele umgestiegen sind. Unser Ziel: Matrei, Osttirol. Dazwischen 220 Kilometer Straße, volltrunkene Nachtschwärmer auf einem Feldzug gegen die Lokal-Sperrstunde, und der Felbertauerntunnel.

Jetzt, nach dem Skistampfen über den großen Lawinenkegel, dem Venedigerhaus und dem urigen Hüttendorf in Innergschlöß, geht es bergauf. Bergauf zum Großvenediger. Endlich.

Die Langlaufgruppe erreicht....
..die Hütten von Innergschlöß
Wir sind nicht alleine mit diesem Wunsch, denn Spuren gibt es: links um den Nadelbaum herum, rechts an der Latschenschneise vorbei, kurz über die Schneerampe, Ski abschnallen und 100 Höhenmeter zu Fuß weiter. Nein, da legen wir doch lieber unsere eigenen. 

Die dicken Wolken, die ganz hinten über dem Hauptkamm auftauchen, können wir noch nicht genau einordnen. Das Wetter lässt sich auch mit der Glaskugel nicht vorhersagen, nur eines steht fest: Heute, irgendwann zwischen 0 und 24 Uhr, wird es schlecht. Also besser schnell sein.
Moritz, Michele und Michael sind mit den schmalen Rennski unterwegs. Gewichtsklasse: Fliegengewicht. Passt also. Wäre da nicht der Harsch, der hoffentlich nur unter unserem Gewicht bricht- und nicht uns die Knochen. 

Es ist ein Veitstanz, in dieser alten eisigen Spur.  Vor, zurück, vor, zurück. Michael sammelt bereits eifrig fürs Schimpfwörterbuch. Dann taucht die Sonne auf, spiegelt sich im flachen Gletscherbecken und für ein paar schöne Minuten ist alles wieder gut.

 
Aufstieg Richtung Neuer Prager Hütte

Und dann kommt die Sonne
Zum Niederknien
Der Himmel wechselt die Farbe, das Milchweiß der Wolken wird von sattem Blau abgelöst. Die müden Augen freuen sich, die Gedanken werden freier. Oder Freier. Denn sie landen bereits beim nächsten Ziel, bei der nächsten Tour in dieser bunten Venedigergruppe. 


"Wohin will ich beim nächsten Mal?"

Der Hang unter der alten Prager Hütte ist pickelhart- und steilt sich auf. Gut, dass ich heute nicht in der Rennski-Mannschaft bin. Der Hintere Kesselkopf taucht auf, der Großglockner unter. Die Wolken kommen schneller zu uns, als wir nach oben kommen.


Noch kurz flach...
Bevor es langsam steiler wird

Die Wolken kommen, die Sonne versteckt sich schon.
Weil die Spursetzer lieber berg-als skiberggestiegen sind, ist die Querung zur Neuen Prager Hütte mühsam. Über die teils knietiefen Spuren der Skischuhe kommen wir nur langsam voran, ausrutschen wäre zwar nicht mit einem Absturz, aber zumindest mit einem unangehmen Wiederaufstieg verbunden. Wir sehen den Gipfel des Großvenedigers, verlieren ihn aber gleich wieder an die Wolken. 

Drei Stunden und 30 Minuten sagen Garmin und Suunto, als wir die Tür zum Winterraum aufstoßen. Vier Schlafsäcke, Kochgeschirr, Ladekabel, abgepackte Wurst mit einer Nährtwerttabelle in tschechischer Sprache. Dass sich unsere Nachbarn in der Prager Hütte wohlfühlen, verwundert uns nicht. Den großen Holztisch nutzen wir für eine Pause. Es wird kalt, die Daunenjacken, die wir uns überziehen, werden wir erst im Tal wieder abstreifen.

 
Der Winterraum der Neuen Prager Hütte

Irrfahrt über die gefrorene See


Als wir wieder in unsere Bindungen steigen, ist es elf Uhr. Noch reicht die Sicht für einen Versuch. Eine rustikale Abfahrt mit den Fellen später, stehen wir vor dem Anstieg über das kurze, aber weitläufige Schlatenkees. Kein Gletscher, den man mit "wird schon gut gehen" abwürgen darf. Zu viel ist hier schon passiert, zu tief sind seine Spalten. Erst Anfang März hatte ein 27-jähriger Deutscher hier eine ganze Familie an Schutzengeln im Rucksack. Eine Schneebrücke bremste seinen Fall ins Leere.

Der Kopf pocht. Es fühlt sich an, als würde das  Herz im Hirn pulsieren. Mehr Herz im Hirn. Schöne Vorstellung. Nur nicht hier. 3000 Meter, zwei Stunden Schlaf, viereinhalb Stunden Aufstieg, Großvenediger als Tagestour. Eine Rechnung, die müde macht. Noch geht sie uns auf.

Dann verschlechtert sich die Sicht. Schlagartig stehen wir im Nichts. Links weiß, vorne weiß, rechts weiß, hinten weiß. Das diffuse Licht lässt mich Abstände nicht mehr korrekt einordnen, Gefälle wirken plötzlich flach.Wir ziehen auf den zweiten Keesboden zu- zumindest glaube ich das. Die Spuren der Vorgänger hat der Wind, der sich an den Wandfluchten vorbeidrängt uns und blöd von der Seite anmacht, verwischt.

Michele navigiert längst per GPS-Gerät, hat trotz Aussichtslosigkeit noch den nötigen Durchblick. "Links. Oben weiter rechts". Ein Kapitän auf dieser Irrfahrt über die gefrorene See.

3340 Meter. "West!" Wir steuern den Großvenediger an. Dass der uns heute aber nicht will, wissen wir schon.  Michael murrt zwar, der Wind, der mittlerweile in Orkanstärke bläst, weht ihm die Antwort entgegen: Heute nicht.

Die kleinen Lagunen von Venedig

Zu seinem Bruder, der zwar genauso bockig, aber zumindest schneller zu erreichen ist, sind es noch knapp 100 Höhenmeter. Moritz legt die Spur, der Wind verwischt sie wieder. Es ist ein Gänsemarsch zum Kleinvenediger, anders würden wir uns aus den Augen verlieren. Dass wir auf dem Gipfel stehen, sagt uns das GPS. "Gratuliere, super". Wofür wir uns da beglückwünschen, weiß niemand so recht.

Die großen Lagunen von Venedig sehen wir nicht. Auch die kleinen nicht. Wir trösten uns damit, dass wir sie auch bei schönem Wetter nicht gesehen hätten. Bis zum 3. September 1841 glaubten die Menschen daran. Von diesem hohen Gipfel muss man das Meer sehen! Seit der Erstbesteiung ist man klüger: kein Meer, kein Venedig, nicht mal das italienische Festland.

Auf dem Gipfel freuen wir uns auf wärmere Zeiten. Auf Hütten, die bewirtschaftet werden. Auf unseren Gerald Auinger auf dem Traunstein:

Gipfelfoto Kleinvenediger, mit einem Gruß nach Gmunden

Alternatives Gipfelfoto: Michele (links) und Michael auf dem Kleinvenediger

Das Abfellen ist noch schwerer, als das Anziehen der Jacke. Der Wind peitscht uns die Schneekristalle um die Ohren und in die Augen. Nur mehr runter hier! Die Abfahrt ist ein Tanz auf rohen Eiern.  Gut geht es uns erst wieder, als wir den letzten Schwung über das Schlatenkees in den Neuschnee setzen.

Durchschnaufen. Noch sind es (h)arschige 1000 Höhenmeter zurück ins Tal.  Wir lassen die Prager Hütte links liegen, queren einen breiten Hang, versprechen uns eine Abkürzung und bekommen sie auch. Besser sind die Verhältnisse seit dem Vormittag nicht geworden. Weil die Sonne ja unbedingt streiken muss.

Erst kurz vor der langen Forststraße kommen wir in den Genuss von Pulverschnee. 100 Meter lang. Trotzdem lachen wir. Über den gesamten Tag, auch wenn wir ihn uns ganz anders vorgestellt haben.

Michael fellt an, Michele, Moritz und ich schieben zurück. Zumindest ein Gewehr hätten sie uns geben können.

























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Kommentare:

  1. Irre, super, spannende Geschichte mit gutem Ausgang - trotz Abbruch! Einfach genial geschrieben!!!

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  2. Erinnert mich stark an eine geplante Großvenedigertour vor vielen Jahren. Auch wir sind im Nebel am Kleinvenediger gelandet, die Abfahrt im Nebel zwischen Spalten war haarig. Mein Schwager wäre bald in eine Spalte gefallen.

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