HILFE! Bin ich noch ein Alpinist?- Teil 1- Berglaufen und Klettern

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Foto: Deutscher Alpenverein



Alpinismus: Bergsteigerische Erschließung der Alpen oder anderen Hochgebirgen aus sportlichen, wissenschaftlichen oder künstlerischen Interessen.


...[ Im erweiterten Sinn wird Bergsteigen auch als Alpinismus bezeichnet und umfasst Tätigkeiten wie Bergwandern, Alpinwandern und Trekking, die Erforschung bzw. Kartografie unbekannter Berggebiete, sowie Naturschutz und Bergführerwesen...]

...[ doch gerade Bergsteiger würden dieser Aussage am ehesten widersprechen, denn in den eigenen Reihen ist „Alpinist“ zu sein in der Regel ein besonderes Prädikat...]

Also, WAS JETZT?


Von Gabriel Egger








Klack. Die Münze fällt in den Parkautomaten, die klammen Finger verschmieren die frische Druckerfarbe bis zur Unkenntlichkeit. Egal, bezahlt ist bezahlt. Ob das der Parksheriff auch so sieht, wenn er den Erlagschein aus dem Halfter zieht und erbarmungslos auf alles schießt, was sich nicht ausweisen kann ? Langsam beginnt sich der Himmel in ein sanftes Amaranthrot zu tauchen, das klimpernde Kleingeld lässt die schlummernden Bewohner in den Häusern am Fuße der schroffen Wände glauben, ihr Land werde urban gemacht. Die Ruhe macht einen zum stillen Teilhaber.

Der Quicklace-Verschluss der Schuhe streikt. Das Einzige, was sich zusammenzieht, sind die Glieder, die dem kalten Windhauch ausgesetzt sind. Der Wind ist heute eine Personifikation, erinnert an Griechenland und seine Einwohner . Nicht ,weil er auch die letzten Parkscheine mit in die Luft nimmt und damit die finanziellen Ressourcen der Autofahrer schröpft, sondern weil er als Bote fungiert. Ganz wie Hermes, Schutzgott der Reisenden, bringt er die Kunde der Sonne. Die ersten Strahlen treffen den Gipfel und steigern die Sehnsucht. Der Drang den Blickwinkel zu ändern, treibt Andreas über die Forststraßen. Der Morgentau kriecht in die Socken, erweckt die Lebensgeister, lässt sie ihren täglichen Spuk beginnen. Rastlos trabt er auch über den beginnenden Wanderweg, über Stock, Stein und verblasste Markierungen. Die Zeiten auf den Wegweisern ignoriert er. Zeit, ob analog oder digital, zählt heute nicht. Andreas will laufen, er will erleben. Das Profil der Schuhe gräbt sich in den aufgeschwemmten Boden, die Musik in den Ohren lässt ihn nicht inne halten. Der Schweiß tropft von der Stirn, das Pochen der Lunge wirkt vertraut. Er kennt das Gefühl sich zu verausgaben. Hass und Liebe liegen oft nahe beieinander.


"Ich denke ständig ans laufen: Bevor ich es tue, denke ich daran, wie es sein wird zu laufen; wenn ich laufe, denke ich daran, auf welche Weise ich es tue, und anschließend denke ich daran, wie ich gelaufen bin. Laufen und die Berge. Das bin ich."
- Kilian Jornet, Skibergsteiger, Bergläufer, Duathlet 
 

Die Schutzhütte ist erreicht. Ein kurzer Blick auf den Weiterweg, ein Foto von den leuchtenden Wänden. Für ihn wirkt es so, als hätte sich ein Heiligenschein um den Berg gelegt, obwohl er mit Religion doch überhaupt nichts am Performance-Dry-Band hat. Das Rot hat aber eine schmerzlindernde Wirkung auf ihn. Der Berg ist ein Samariter, er teilt Freud und Leid, gibt ihm Halt und hilft ihm ein Stück weit auf seinem Lebensweg.  Ein kurzer Schluck aus seiner minmalistischen Trinkflasche, die in der Vordertasche seines winzigen Rucksacks befestigt ist. Weniger ist mehr. Ein Kontrollblick auf die GPS-Abenteuer-Uhr und der Gedanke seine Stöcke bei nächstbester Gelegenheit verschwinden zu lassen, begleiten ihn genauso wie eine verwegene Mischung aus Adrenalin und Neugier. Seine Laufschuhe schlagen auf den Fels auf. Es wird alpiner, der Weg anspruchsvoller, die Gedanken klarer, das Ziel greifbarer.

Foto: Andi rennt








Die Sonne ist aufgegangen, ihre Strahlen treffen die Stahlversicherungen, die Andreas Finger zu spüren bekommen. Zug für Zug geht es dem Gipfel entgegen. Unten im Tal sitzen die Einheimischen noch im Schatten des Berges, blättern in der Zeitung. Leid, Angst, Dummheit und Richard Lugner springen ihnen entgegen. Andreas ist heute Egoist, all das ist ihm egal. Er will laufen, die Natur erleben, zu sich selbst finden. Andreas ist am breiten Grat angelangt. Der Weitblick wirkt unendlich, es fühlt sich an, als könne er ans andere Ende der Welt sehen. Hier ist er richtig, das ist sein Terrain. Ganz alleine läuft er im ständigen Auf-und ab über die Felsen. Ein letzter Aufschwung, eine leichte Kletterstelle verdeckt den Blick aufs Gipfelkreuz. Das Symbol, für Ankommen, für persönlichen Erfolg, für die Ruhe nach dem Sturm. Mit Manneskraft zieht sich Andreas über den Kalk. Müde, ausgelaugt aber euphorisch schweifen seine freudigen Augen zum Gipfel. Doch sie machen Halt vor einer Barriere, die Blicke treffen nicht das eigentliche Ziel. Ein kräftiger, großer Mann sitzt auf einem Stein. Sein weißes Haar lässt ihn weise wirken, der Stock sichert den rüstigen Körper. Fest geschnürte Bergstiefel, Falten, um die ihn Mabona Origami beneiden würde. Jede einzelne erzählt eine Geschichte.  Eine tiefe Stimme durchbricht kriegerisch den morgendlichen Frieden im Gebirge:

"Du läufst  den Berg hinauf, ohne ein Auge für seine Schönheit zu haben. Du kannst nicht deine innersten Wünsche lesen, bist rastlos, ungeduldig, abhängig von Zeit, von Leistung, von der Meinung anderer und süchtig nach Rekorden. Was, mein Freund, was hat das noch mit Alpinismus zu tun?"

Stille.











"Schau mal, was das Topo sagt. Hier irgendwo muss der Einstieg sein". Philip krempelt sich seine Hose über die Knie, die Hitze macht ihm zu schaffen, das Material ist schwer. Das einhundertfünfzigste Mal wischt er sich den Schweiß aus den Augen, der von seiner Kappe nur bedingt aufgesogen wird. "Ein bisschen noch, ich glaub da oben bei der großen Platte". Auch seine Begleitung lässt sich von den Temperaturen, die die anständigsten Menschen zu Nudisten machen, nicht beirren. Daniela will klettern, will den rauhen Fels unter den Fingern spüren, weit weg von Wasserrutsche, Sprungturm und Liegewiese. Zu zweit mitten in der Einsamkeit. Die Expressen baumeln am Gurt, klimpern die musikalische Einleitung, präsentieren sich als Intro für ein neues Abenteuer. Der Zustieg am Wanderweg ist eintönig und schickt sich auch nicht an irgendwann aufzuhören. Die Platten, die Rillen, die Kamine lachen von oben herab.


"Was mir am Klettern gefällt: Man muss überlegen, vorausplanen, die Kraft einteilen ... Es ist dieses taktische Spielen mit den Elementen, das ich über alles liebe, das Annehmen der kalkulierten Risiken, das mich dazu zwingt, mich jedes Mal neu in Frage zu stellen. "

- Catherine Destivelle, französische Profibergsteigerin


Zwischen ihnen und den beiden Kletterern scheint das Universum zu liegen. Ein paar wenige Schritte noch auf dem Weg zur Milchstraße. Es juckt in den Fingern, dabei wurde doch der riesige Ameisenhaufen gekonnt umgangen. Sie wissen, die Qual wird noch zum Erlebnis, jeder Meter auf dem Wanderweg wird sich in der Vertikalen bezahlt machen. Dann endlich, Philip zweigt vom Weg ab, lässt das Herz seiner Freundin auch beim gemeinsamen Hobby höher schlagen. Das Gelände wird steiler, die Stimmung schlagartig besser. Heiß her geht es jetzt nicht nur beim Ritt um den österreichweiten Hitzerekord, jetzt klammern sich die Finger endlich in die geliebten Spalten, Rillen und die Reibung wird zum fünften Element. In leichter Kletterei erfolgt die Einstimmung. Philip fühlt sich als hätte am Weihnachtsabend das Glöckchen gebimmelt und er dürfte endlich die Geschenke auspacken, obwohl er doch mit Religion so gar nichts am Helm hat. Den hat auch Daniela mitterweile aufgesetzt, denn nun darf die Einleitung getrost beendet werden. Gleich die erste Seillänge hat es in sich. Behutsam überklettert Philip die erste Schlüsselstelle. Sie ist beinahe zu gut abgesichert, überall stecken die Haken, die im Notfall lebensrettende Maßnahmen einleiten. "Acht Expressen stehen in der Beschreibung, Kletterei in Spartechnik" denkt Daniela, während sie angestrengt versucht ihrem Partner zu folgen. Die Griffe der Kletterhalle mussten heuer oft als steiniger Ersatz herhalten. Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Foto: Do gehts auffi


























Durch die famose Absicherung gibt es aber auch bei ihr in Sachen Klettergenuss keine Grenzen. In den Schrofen des Gehgeländes bleibt Zeit die Umgebung wirken zu lassen. Mitten in der Wand fühlt man sich als kleiner Teil eines Ganzen, wie ein Zahnrad, das sich in ein Getriebe einfügt. Während Daniela noch in technischen Metaphern denkt, quert Philip schon links hinaus in eine Mulde. Mit Bohrhaken  wurde nicht gespart, ganz zu Freuden der Anfänger. Unter ihnen taucht schon die nächste Seilschaft auf. Sportkletterer, wie sie später erfahren. Auch sie wollen irgendwann an den Fels, weg von Matte und Gummigeruch. Bei zwei weiteren Bohrhaken richtet Philip einen Stand ein.

Die Platten sind griffig, das Nachmittagsprogramm nach Wunsch. Nur ein bisschen länger dürfte es sein. Und kühler. Die Temperaturen greifen die Konzentration an, führen einen erbitterten Kampf mit den Kräften, stören die Kommunikation zwischen dem Gehirn und den Fingern- erfolgreich. Daniela muss sich an Haken und Schlingen nach oben ziehen. Es wirkt beinahe künstlerisch. "Artifical Schaas" denkt sie. "Geht's eh da unten ?" Auch Philip wird zunehmend nervös, denn die richtige Schlüsselstelle kommt erst: ein kurzer Überhang mit spärlichen Tritten und homöopathischen Griffen. Der erste Versuch endet mit dem Griff in die Zwischensicherung. Der zweite Versuch sitzt, er kann sich hochdrücken. Daniela braucht länger, irgendwie soll es nicht sein. Wieder klappt es nur mit einem Hilfsmittel. Ein kurzes Seil wird zweckentfremdet, unterstützt den vertikalen Bewegungsdrang. Hält der Griff auch wirklich? Er hält. Über rauhe, zerfressene Platten geht es nun wieder leichter dem Ausstieg entgegen. Die Gedanken sind wieder dort, wo sie sein sollen. In der Wand, wie unsichtbar mit den Felsen verbunden. Mobile Gerätschaften baumeln heute umsonst vom Gurt, es wäre ja auch schade Freunde zurückzulassen. Heute ist es anders, als noch vor wenigen Wochen. Als man die Route verlor,  in der Dunkelheit absteigen musste, vom Berg eine Lektion erteilt bekam. Gemeinsam scheitern, gemeinsam wachsen.  Jeder Zug ist ein Genuss.

Ein letztes leichtes Wandstück lassen sie scherzend hinter sich, die Gespräche flammen wieder auf, die Begeisterung würden sie am liebsten dem Himmel entgegenschreien, wäre da oben nicht der Wanderweg und die 140 schneller gewählt, als die Nummer der Auskunft. Wie lautet die überhaupt?

Am Normalweg mischen sie sich unter die Wanderer, weichen Selfiesticks aus und  landen dennoch unfreiwillig auf den Touristenbildern und freuen sich auf die willkommene Rast auf der nahen Hütte. Isotonische Rehydrierung nennt es Philip. Unter Bier kennt es die Masse. Alle Tische sind bis auf den letzten Platz besetzt. Nur im hintersten Eck ist noch etwas frei.

Ein älterer Herr sinniert dort vor einem leeren Glas. "Dürfen wir uns setzen?" Mittlerweile sind auch die Sportkletterer auf der Hütte angekommen. Der Senior wendet seinen Blick vom Glas und den Kopf zu den  Kletterern. Sein weißes Haar lässt ihn weise wirken, der Stock sichert den rüstigen Körper. Fest geschnürte Bergstiefel, Falten, um die ihn Mabona Origami beneiden würde. Jede einzelne erzählt eine Geschichte.  Eine tiefe Stimme durchbricht kriegerisch den idyllischen Frieden im Gebirge:

"Ihr klettert durch eine Wand mit unlauteren Mitteln, in überbohrten Routen mit tausenden Beschreibungen und Hilfestellungen, ohne Spürsinn, ohne dem Berg eine Chance zu geben. Ihr kommt aus der Halle mit euren Gummigriffen, klettert auf irgendwelche Felsen im Wald oder in Parks, nennt das Bouldern und fühlt euch wie Pioniere, obwohl es an Sinnlosigkeit nicht zu überbieten ist. Ihr entsteigt der Vertikale ohne Gefühl, habt nicht den Berg selbst, nicht den Gipfel im Sinn. Mit euren Haken zerstört ihr die Seele des Berges. Was, meine Freunde, was hat das noch mit Alpinismus zu tun?"


Stille.



FORTSETZUNG FOLGT.








Seid dabei, wenn Fabian sich fiktiv durch den Klettersteig kämpft und Max und Ralf neben Blümelein am Wegesrand auch auf einen alten Mann, mit weißem Haar und rüstigem Körper treffen...




In : HILFE! Bin ich noch ein Alpinist? - Teil 2- Klettersteige und Wanderer


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