Sagenhafter Hochkönig: Wenn aus Fels Liebe wird



Sie badeten im Überfluss, waren habgierig, verschwenderisch und übermütig. Die Sennerinnen auf den weitläufigen Wiesenflächen am Plateau des Hochkönigs hatten alles und gaben nichts. Auch nicht, als ein müder Wanderer um Trank, Speis und einen Ort zur Rast bat. Der Teufel fuhr durch die Wände des Berges, ließ Blitz, Donner und eine mächtige Flut über die Dirnen hereinbrechen. Das Wasser erstarrte zu Eis. Es sollte ewig währen. Da hatte der Teufel, dessen Weg durch den Berg noch heute weithin sichtbar ist, aber noch nicht mit Auspuffgasen und anderer Umweltsauerei gerechnet. Vom mächtigen Gletscher, der die Wollust der leichten Mädchen unter sich begrub, ist nicht mehr viel über. Ein letzter Rest mahnt zur Vorsicht. Vorsichtig sollte man auch bei einer Begehung sein, denn steil ist das Monument einstigen Scheusals immer noch.


Die Teufelslöcher
Ein Blick vom Balkon des Vitalhotelpost in Dienten am Hochkönig lässt die Geschichte im Kopf zum Leben erwachen. Dort oben, wo die Löcher in der Wand sind, dort hat er gewütet. Die Felstürme des Lammkopfs und des Hochsailers throhnen von oben herab. Der zerfressene Fels lässt gleichzeitig den Atem stocken und das Adrenalin in die Fingerspitzen schießen. Der Rucksack packt sich beim Anblick von allein. Auch das Dach des Matrashauses, eine der höchsten Schutzhütten des Landes, ist schemenhaft zu erkennen. In 2.941 Metern schenkt Hüttenwirt Roman Kurz den Besuchern seit 17 Jahren ein kleines bisschen Luxus, mitten in einer unwirtlichen Umgebung. So schön und doch so verworren. Luxus, das ist ein dehnbarer Begriff. Oben auf 2.941 Metern ist das eine warme Suppe und ein Schluck Bier. Eine warme Decke und ein Sonnenuntergang.

Schnell will man die Sage am eigenen Leib verspüren. Vorbei an den traditionellen Häusern des Dorfes fährt man hoch zum Filzensattel. Die Strahlen der Sonne lassen die Wände des Berges noch stolzer glänzen. "Berühr mich, werde eins mit mir" rufen sie. Der Ruf verhallt auch nicht auf den engen Waldpfaden, die man betritt, wenn man sich zur Bergtenhütte aufmacht. Ein bisschen Mut sollte man auch im Gepäck haben, denn bald trifft man auf den Weg, der aus Hinterthal heraufführt und es wird steiler. Die bizarren Felstürme begeistern, das einsame Tal könnte ruhiger nicht sein.

Die Bergtenhütte



"Ein bisschen unwirklich" meint Matthias. Zu schön um wahr zu sein. Ein Begriff, den die Werbeindustrie seit Jahrzehnten "vergewaltigt". Da ist dann sogar der Geschmack der neuen Solettistangerl zu gut um wahr zu sein. Hier passt er allerdings. Enge Latschengassen wechseln sich mit steilen Schotterpassagen ab, Trittstifte erleichtern den Aufstieg. Wer Platzangst hat, sollte sich in Acht nehmen, denn die Felswände links und rechts wirken ganz schön beengend. Sie schmälern den Platz und steigern die Lust.





Wir erreichen die Bergtenhütte, die einem Adlerhorst ähnelt. Mitten in den Hang wurde sie gesetzt, um Bergsteiger vor Wind und Wetter zu schützen. Alpine Liebespärchen können hier die ein oder andere kuschelige Nacht verbringen, denn Sauberkeit und Ordnung sind auf 1.846 Metern garantiert. Wir lassen uns kurz nieder, das eine Auge schweift nach Hinterthal. Schon beinahe 900 Meter liegt es unter uns. Die meisten Menschen haben jetzt Mittagspause und wechseln das verschwitzte Hemd. Wie schön wir es doch haben. Das andere Auge lugt hoch zum König der Berchtesgadener Alpen. Dreimal durfte ich schon auf dessen Haupt stehen. Der Drang nach dem Gipfel ist also nicht mehr so groß, die Sehnsucht allerdings schon. Irgendetwas verbindet mich mit diesen Felsen. Ist es die Tatsache, dass es mein erster "richtig hoher" Berg war, oder ist es das exponierte Matrashaus, das mich so beeindruckt? Sind es die Gefühle, die ich mit dem Hochkönig verbinde, oder ist es die Aussicht, die unendlich zu sein scheint? Für mich sind die Slogans der Tourismusbüros zutreffend, für mich ist er wirklich der "Gipfel der Gefühle". Klingt doch schon ein bisschen nach Liebe, oder? Also schnell hinauf um später vom Tal wieder sehnsüchtig nach oben zu blicken.

Im Schneekar
Das Schneekar, das wir jetzt betreten, macht seinem Namen trotz der Hitzewelle alle Ehre. Riesige Felder weißer Pracht erstrecken sich hier, betreten muss man sie allerdings nicht. Der Weg führt direkt in den plattigen Fels, denn jetzt darf auch zugepackt werden. Matthias Grinsen verrät mir, dass nicht nur ich mich freue. In leichter Kletterei erreichen wir die ersten Versicherungen, die die
Querungen erleichtern. Die Stahlseile dürften zwar schon den kalten Krieg miterlebt haben, wirken aber dennoch vertrauenswürdig. Sie sind es auch. Die Sonne drückt gegen die Wände und lässt den Schweiß vom Gesicht tropfen. So ein kleines Teufels-Unwetter wär jetzt schon was. Die Hitze mindert aber nicht den Spaß und auch nicht die Demut. Der Berg lässt und schwitzen, lachen, fluchen, staunen und müde werden. Ein ausgesetzter Quergang ist überwunden und wir sind auf 2.600 Metern angelangt. "Musste denn der Teufel so weit oben durch die Wand fahren?" sagt Matthias und lacht vergnügt. Die Teufelslöcher sind nämlich noch immer nicht erreicht. Eng an eine Wand gedrückt umgehen wir einen Überhang und plötzlich sind  Augen vor Augen. Stilistisch sicherlich kein schöner Satz, entspricht er aber doch der Wahrheit. Die Teufelslöcher wirken wie riesige Augen, als würde der Teufel selbst noch über das Gebiet wachen und jeden Übermut bestrafen. Seilgesichert geht es durch das rechte Auge, wo sich zwei tschechische Wanderer nicht sicher sind, ob sie den Abstieg wagen sollen. Auge in Auge mit dem Teufel ist das kein Wunder.

Die übergossene Alm ist tatsächlich nur mehr ein Kaffefleck auf der weißen Tischdecke des Gletschers. Eis wird es wohl erst wieder im Vitalhotelpost geben. Wirklich schade drum. Wir entscheiden uns für einen Aufstieg zum Hochsailer, den wir noch nicht kennen. Einige wenige Meter muss abgeklettert werden, dann stehen wir auch schon auf dem Gletscher, der mit einer aufgeweichten Schneedecke überzogen ist. Behutsam queren wir die einstigen Almen. Unter uns sind sie begraben, die frevelhaften Mädchen.

Die übergossene Alm mit dem Hochsailer


Der Einstieg zum Hochsailer ist steil. Matthias klettert vor und wartet bei einem leichten Kamin. Die Helme sind  nicht mitgewandert und so müssen wir dem Steinschlag improvisierend den Kampf ansagen. Stellen im II. Schwierigkeitsgrad müssen ziemlich ausgesetzt überwunden werden, bevor ein seilgesicherter Kamin Klettersteig-Feeling aufkommen lässt. Sogar eine kurze C-Stelle gilt es zu überwinden. Zwei deutsche Bergsteiger kommen gerade herunter und wirken sichtlich erleichtert. Ganz schön international, der Hochkönig. Der Kamin ist leicht, der Grat zum Gipfel allerdings ordentlich luftig. Die Konzentration erhöht sich gleichsam mit dem Puls. Ein letzter mutiger Griff, die Muskeln verhärten sich , die Finger bekommen den Griff zu fassen und auch der Tritt sitzt. Wir stehen auf 2.793 Metern und blicken zum Matrashaus. Die vielen Felsen wirken wie Wellen, die Hütte wie eine Insel. Jetzt verstehe ich, warum das Gebiet als steinernes Meer bezeichnet wird. Schön wär es, wenn uns die Wellen mitnehmen und wir nicht zu Fuß gehen müssten. Treiben lassen können wir uns aber nur von unserer Motivation. Und die will, dass wir noch einen Umweg machen. Der Weg zurück über den Aufstiegsweg wäre zwar schnell, doch weil wir noch genügend Zeit haben, wollen wir anders absteigen. Auf halbem Weg am Grat sehen wir rot punktierte Felsen. "Hey Matthias, da geht was runter, nehmen wir das" rufe ich lauthals. Während Matthias noch seine Zweifel über die Sinnhaftigkeit zum Ausdruck bringt, klettern wir schon über Schutt und Geröll ab.


Am Hochsailer
Der Weg durch die Südostwand des Hochsailers ist nicht leicht. Immer wieder müssen wir kompliziert abklettern und über Schotter abrutschen. Die roten Punkte haben gleich zu Beginn wieder aufgehört. "So ein fauler Sack. Kleckst die rote Farbe auf die Felsen und hört irgendwo mittendrin auf" denke ich, während ich Matthias durch eine schutterfüllte Rinne folge. Schweiß lässt die Augen brennen. Matthias ist geschickt und findet einen guten Weg. Kopfschüttelnd stehen wir am Fuße der Wand und blicken hinauf. "So eine saublöde Idee". Das Fazit eines kleinen Abenteuers. Wir queren auf den Herzogsteig und machen uns auf zum Matrashaus. Die Zeit würde reichen um noch ins Tal abzusteigen, doch wollen wir unbedingt einmal die Nacht auf dem Gipfel des Hochkönigs verbringen. Ganz ohne Biwaksack und Rettungsdecke.



Am Weg zum Matrashaus
Im ständigen Auf-und Ab bewegen wir uns in Richtung Endstation. Das 5-Gänge-Menü und die zauberhafte Bedienung tauschen wir heute mit Knödelsuppe und Hüttenambiente. Fast verschwenderisch, wenn es nicht so schön wäre. Wir überlegen kurz noch auf den Lammkopf zu steigen, doch das Interesse ist nicht sonderlich groß und wir erreichen den Ausstieg des Königsjodlers. Der Klettersteig gehört zu den längsten der Alpen und zwingt viele Begeher schon nach wenigen Abschnitten in die Knie und die Bergretter oft zu riskanten Einsätzen. Wie gut, dass wir es heute gemütlich haben.


Das Matrashaus ist gut besucht, für einen Dienstag sogar fast überraschend voll. Wir holen uns ein kaltes Bier und setzen uns vor die Hütte. Die Sonne steht noch hoch und wärmt die ausgekühlten Beine. Kurz vor 18.00 Uhr ruft Hüttenwirt Roman Kurz zum Abendessen. "Ordentlich anstellen, geht's weiter, geht's weiter". Leicht hat er's nicht, viele glauben in einem Restaurant zu sein. "In einer Reihe bitte. Ist das so schwer?". Seine Frau Jeni hat Spaghetti gekocht und gibt großzügige Portionen aus. Wir sitzen in der hinteren Gaststube, verschlingen den Knödel und blätter in alten Büchern. Auch die Hüttenbücher werden studiert. Ganz schön was los, am Gipfel der Gefühle. Beinahe keine Woche ohne Eintragung.

Die Sonne beginnt sich langsam zu senken. Wir schnappen uns Bier und Decke und lehnen uns an die warme Wand. Immer wieder ziehen Wolken durch, spielen eine gewichtige Nebenrolle bei diesem Naturschauspiel. "Kuschelt ihr zwei?" fragt ein deutscher Wanderer. Kurz darauf stört er die romantische Stille mit dem einzigen Lüftchen, das heute zu spüren ist: ein Darmwind.

Die Sonne geht unter und taucht das steinerne Meer in ein faszinierendes Licht. Christina Stürmer fragt in ihrem neuen Song welche Momente denn wirklich bleiben, woran man sich erinnern will. Dieser Moment ist so einer.

Sonnenuntergang am Matrashaus


Schnell wird es kalt am Gipfel des Hochkönigs. Im Tal gehen die Lichter an und auch in unserem Hotel wird schon das ein oder andere Gläschen Wein getrunken. Wir können es von hier sehen. Nicht den Wein, auch nicht das Hotel, aber Dienten. 1.900 Meter unter uns. Das letzte Bier schmeckt besonders gut und auch das Hüttenlager ist nicht zur Gänze voll. Wir können uns ausbreiten und eine angenehme Nachtruhe verbringen. Die Taschentücher in den Ohren helfen gegen unliebsames Sägen an den Nerven. Die Schnarchkapelle muss heute lautlos musizieren.

Pünktlich zum Sonnenaufgang stehen wir wieder vor der Hütte. Es weht ein kalter Wind. Diesmal nicht menschlich verursacht. Wolken verdecken den aufgehenden Planeten. Kraftvoll, wie er momentan ist, setzt er sich aber dennoch durch und sorgt für kollektives Staunen. Gott sei Dank ist die Wespenplage eine Erfindung, sonst wären sie reihenweise in die offenen Münder geflogen. Die Wärme kriecht zurück in die ausgefrorenen Körper. Ein neuer Tag im Himmel ist erwacht. Das Frühstücksbuffet lässt kaum Wünsche offen. Das Koffein saust ins Gehirn, weckt die restlichen müden Zellen. "Schade, dass es schon vorbei ist" sage ich zu Matthias. "Das ist es nicht" antwortet er. Richtig, heute schwimmen wir durchs steinerne Meer. Vorbei an zahlreichen felsigen Inseln, an Stränden aus Fels und an Booten voller Lebensfreude, die uns in den Hafen bringen werden.

Die Sonne geht auf


Durchs steinerne Meer



Wehmütig schaue ich zum Hochkönig zurück. Die Bergsteigerei ist wie eine Droge. Sie erfüllt dich, macht dich abhängig nach dem Gefühl, und du brauchst sie immer wieder, um glücklich zu sein. Oder wie Helene Fischer singen würde: "Ich will immer wieder dieses Fieber spüren". Diese Droge zerstört nicht, doch übertreiben sollte man es auch hier nicht. Alles Exzessive lässt die Schönheit auf Dauer verblassen. Wie ein Stück Papier, das sich freut in der strahlenden Sonne zu liegen, aber mit der Zeit vergilbt.







Jetzt, wo ich diese Zeilen verfasse, sitze ich am Balkon des Vitalhotelpost. Den Blick immer sehnsüchtig auf den Hochkönig gerichtet. Die Wolken sausen um den Gipfel, tauchen das Matrashaus in einen Schleier und befreien es wieder. Ein inspirierendes Ambiente. Hier könnte man ganze Bücher schreiben. Oder eine Sage. Das überlasse ich aber lieber Roman Kurz. Der hat viele Sagen von seltsamen Fabelwesen in Sandalen, von ungeschickten Tölpeln in Helmen, von Abenteurern mit überdimensionalen Selbstvertrauen und von geizigen Königen zu erzählen.

Wie Könige fühlen auch wir uns, wenn Thomas Burgschwaiger und sein freundliches Team wieder zum Abendessen in die heiligen Hallen des Vitalhotelpost lädt. Dann leuchten oben am Hochkönig wieder die Wände. Und wer weiß, vielleicht spielen sich auch heute wieder unerklärliche Dinge ab. Zum Beispiel, das aus Fels Liebe wird.

Balkonblick





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