Der Asphalt ist nicht genug: Weil nur erleben leben ist



Foto: Fitrabbit.com




Athlet und Geschäftsmann Thomas Bosnjak im Porträt



Text und Bilder von Gabriel Egger




Tap.Tap.Tap. Das Profil der Schuhe gräbt sich in den den vom Regen aufgeschwemmten Boden und macht jeden Schritt zu einer neuen Herausforderung. Tap. Tap. Tap. Der felsige Untergrund muss gekonnt übersprungen werden, das Herz pocht, die Konzentration ist am obersten Limit. Tap Tap Tap. Die Markierungen am Wegesrand verblassen im Augenwinkel, die Wurzeln werden akrobatisch umlaufen. Die Mimik der übrigen Wanderer bietet eine breite Palette an Interpretationsmöglichkeiten. Die Reaktionen reichen von stiller Bewunderung bis zur offenkundigen Verachtung.
 Tap Tap Tap. Die letzten Kilometer auf der asphaltierten Straße werden zum Auslaufen benutzt, der Puls senkt sich, die gesammelten Eindrücke speichern sich langsam im Gehirn ab und werden verarbeitet. Bis dieser Prozess fertig ist, kann es noch dauern.

Immer mehr Sportler benutzen die Wanderwege als Laufstrecke, bringen die Endorphine in Schwung und den Körper an die Leistungsgrenzen. Trailrunning heißt der Trend, der sich wie ein Lauffeuer verbreitet und die Hosen immer kürzer und enger werden lässt. Federleichte Schuhe, ein Rucksack mit spartanischem Inhalt, der sich eng an den Körper schmiegt , Kompressionssocken und eine große Portion Durchhaltevermögen und schon kann's losgehen.

So einfach es klingt, so verschieden wird es ausgelegt. Der leistungsorientierte Uhren-Fanatiker, der nach einer ausgedehnten Laufrunde im schönsten Seengebiet nur vom Leistungsabfall bei Kilometer 22,4 und dem daraus resultierenden Zeitverlust von 4,23 Sekunden berichten kann, trifft auf den entspannten Trainingsläufer, der sich nach einem intensiven Aufstieg auch Zeit für ein Gespräch auf der Hütte nimmt und die Eindrücke des alpinen Laufs auf sich wirken lässt. Egal wie der Trailrunner es handhabt, es soll vor allem  eines im Vordergrund stehen: das persönliche Erlebnis.
Eigenmarke "B'jak"

Geht nicht, gibt's nicht


Die Sonne brennt vom Himmel, als ich ins Zentrum von Gmunden am Traunsee einlaufe. Es scheint so, als würde sie nach langer Krankheit wieder ihre karitative Arbeit aufnehmen. Der See glitzert in ihren Strahlen und das klare Wasser schwappt euphorisch ans Ufer. Auch die Schwäne präsentieren sich mit ihrem weißen Federkleid wieder stolz als Wahrzeichen der Keramik-Metropole, während außergewöhnlich viele Sportler durch die engen Gassen laufen. Zwar Business, aber heute nicht" as usual"  in der Stadt am Nordufer. Viereinhalb Kilometer lang ist Gmunden beim Business-Lauf in Bewegung ."Das passt heute irgendwie" denke ich, als ich die großen Flaggen vor einem unscheinbaren Haus in der Linzerstraße erreiche. Das Drücken der Klinke öffnet nicht nur die massive Tür, sondern auch die Pforte in eine abenteuerliche, schnelle und fordernde Welt. Die Welt von Thomas Bosnjak, dem Vorstand des österreichischen Trailrunningverbandes (ATRA).


Erfolgreiche Jugend

"Komm rein, setz dich her" ruft mir Thomas gleich von Weitem zu. Zwischen Funktionsbekleidung verschiedenster Marken, Nahrungsergänzungsmittel, Zeitschriften und Schuhen bahne ich mir meinen Weg auf die große Couch, die im hintersten Eck des Raumes positioniert ist. Ich lausche Gesprächen, die Thomas auf sehr persönlicher Ebene und in gemütlicher Atmosphäre mit den Sportlern führt. Es geht um das optimale Training und die passende Ernährung für den langen Wettkampf  Da kennt sich der 39-Jährige nicht nur seit Eröffnung seines Trailshops im Oktober 2014 bestens aus. Denn Thomas war schon vieles, eines aber war er nicht: sich zu schade.

Schon im frühen Kindesalter kam der gebürtige Attnanger mit dem Sport in Verbindung, 1980 begann er mit dem Fußballspielen, kickte sich in den verschiedensten Jugendligen in den Vordergrund und durchlebte die typischen Höhen und Tiefen eines jungen Burschen. Erst sechs Jahre später fand Bosnjak seine wahre Berufung, der er auch heute noch zielstrebig folgt. "Zuerst war ich zehn Jahre Bahnläufer. Da ist es natürlich nur um volle Leistung und Schnelligkeit gegangen. Da wollte ich immer gewinnen" erzählt Bosnjak von seinen Anfängen. Das müsste er aber gar nicht. Die zahlreichen Medaillen, die  im Trailshop "B'jak", wie er ihn nach seinem eigenen Vorbild getauft hat, an den Wänden hängen, sprechen eine deutliche Sprache. Schnell wurde das junge Talent in den Jugend- und später in den Nationalkader berufen.

Jubelposen sind im Trend
Einen richtigen Berufswunsch hatte der Athlet nicht: "Ich hab meine Arbeit eigentlich immer nach dem Sport gerichtet. Egal wie anstrengend, hauptsache ich hatte dann genügend Zeit zum Laufen" sagt Thomas. Seiner Lehre als Bürokaufmann folgten anstrengende Schichtarbeiten, deren freie Tage Bosnjak für spezifisches Training nutzte.  Schon mit 15 erkannte der Allrounder, dass er sich dem Sport nicht nur aktiv verschreiben wollte. "Ich hab dann bald angefangen mich mit der Leistungsdiagnostik auseinanderzusetzen. Da war einfach zu wenig vorhanden, da wollte ich
anpacken" erklärt er. Bald erstellte Bosnjak seine eigenen Trainingspläne, versuchte anderen Athleten unter die Arme zu greifen und merkte, dass sich das Interesse zusehends verstärkte. Verstärkt hat sich gleichzeitig auch seine läuferische Fähigkeit. Von der Bahn "rutschte" Thomas auf den Asphalt, legte in den Halbdistanzen und bald auch beim Marathon Bestzeiten hin. Aus Profitgründen hat er den Sport nie betrieben. "Ich wurde zwar gesponsert, aber eine Profikarriere wollte ich nicht. Da musst du ständig Höchstleistungen bringen, und ich will nicht müssen, ich will wollen" sagt Bosnjak und streichelt seinen Hund Arthur, der sich lauthals darüber freut.  Für ihn sei eine Arbeit nur dann wertvoll, wenn man auch seine ganze Kraft hineinstecken kann. Von unten anfangen, Mut und Risiko beweisen und Herausforderungen annehmen gehören für Bosnjak zu den Eckpfeilern. "Geht nicht, gibt's nicht. Das habe ich gelebt. Alles probieren, hinfallen und wieder aufstehen. Auch wenn's manchmal richtig weh tut." erklärt Thomas seine Einstellung.

Mittlerweile ist ein weiterer Laufbegeisterter eingetroffen, der von Thomas die letzten Tipps für den bevorstehenden "Hochkönigman",einer von Thomas organisierten Trailrunningveranstaltung, bekommt. Von 21 bis zu 85 Kilometer sind dabei in den verschiedensten Disziplinen zu laufen.Vor allem das Thema Ernährung  wird humorvoll diskutiert. "Also ich esse momentan liebend gern Schaumrollen. Ich bin Ultra-Läufer, ich genieße!" lacht Bosnjak und sein Kunde erwidert: "Du vielleicht, aber wenn's regnet lauf ich nicht". Es folgen Kaffee, Kuchen und schallendes Gelächter.

Das gemütliche Eck im Trailshop
Dass Thomas jetzt überhaupt seine Kunden beraten kann ist ein Wink des Schicksals, denn seine hauptberufliche Karriere in diesem Bereich hing bereits am seidenen Faden. Oder besser: Sie gehörte schon nicht mehr zu seinem Set. Der leidenschaftliche Läufer hätte nämlich auch als Discjockey Karriere machen können. In Österreich noch verschmäht, setzte er sich in Deutschland bei einem Talent-Wettbewerb durch. "Der Prophet ist zu Hause nichts wert" lacht Bosnjak, der zwischenzeitlich auch die Ausbildung zum Fußball- und Leichtathletiktrainer absolviert hat und bei den Linzer Black Wings den Posten des Konditionstrainers besetzte. Nach Gigs in Österreich und Deutschland, einem Nachtleben als Rowdy und vielen schlaflosen Stunden hat er sich gegen die Musik und für die Gesundheit entschieden. Dann trat auch eine Frau  in sein Leben. "Die Zeit mit meiner Sybille war mir wichtiger als irgendein Erfolg" erklärt Bosnjak und ergänzt: "Außerdem wollte ich das machen, was ich am Besten kann: Laufen".

 Ein bisschen B'jak muss (nicht) sein


2004 hat er sich schließlich ohne Kapital selbstständig gemacht und seinen Weg in der Leistungsdiagnostik gesucht. Der Sport war wieder in den Vordergrund gerückt. Während einer Verletzung, bei der er sein Knie nicht beugen konnte, entdeckte er das "Nordic-Walking" für sich, reformierte es und brachte auch gleich ein Buch heraus. "33 Wege für Geist und Körper" sollte die Gesundheit des neuen Trends unterstreichen. "Jetzt ist das leider nur mehr ein Marketing-Produkt. Bei Verletzungen könnte es aber Wunder wirken" sagt der 39-jährige.  2011 wechselte er schließlich vom Straßenlauf zum Trailrunning, das seitdem sein Leben beherrscht. An einen prägenden Moment wird sich Bosnjak dabei immer erinnern: Ein 52 Kilometer- Rennen mit 2.500 Höhenmetern an der Cote d'Azur hat ihm den Stempel des Geländeläufers aufgedrückt. "Ich war das nicht gewohnt. Ich war ja der typische Straßenläufer" erzählt Thomas. Bald musste er seinem schnellen Tempo Tribut zollen und landete im Classement weit hinten. "Mich hat dann eine 70-jährige Frau überholt und gefragt: Are you alright, can i help you?" führt Bosnjak fort. "Da bin ich dann die drei Stunden ins Ziel gegangen und hab mir die Landschaft angesehen und gemerkt: Hey, das Trailrunning ist ja ganz was anderes".


Thomas Bosnjak in seinem Trailshop

Später konnte er auch im Trailrunning viele Podestplätze verbuchen , wie etwa beim Karwendelmarsch oder beim Wörtherseetrail, aber genau dieses "andere" versuchte Bosnjak schließlich auch selbst umzusetzen- und rannte vorerst  gegen Betonwände an. Vor allem aus Deutschland wehte ihm nach der Gründung der ATRA (Austrian Trail Running Association) rauer Wind entgegen.


"Für mich ist Trailrunning autonomes Laufen, Abenteuer , Erlebnis und Expedition direkt vor der Haustüre"  ATRA-Chef Thomas Bosnjak über seine Trailrunning-Definition


Bosnjak polarisierte schnell, obwohl er das nach eigenen Angaben eigentlich nie wollte. Vorgeworfen wurde ihm vor allem Selbstinszenierung. So richtig glauben wollte niemand an seine Visionen. "Wer etwas versucht, über den wird gesprochen. Positiv und leider auch negativ. Mit der ATRA wollte ich die Trailrunner einigen, nicht spalten" erklärt Thomas, für den ein langer Lauf erst bei 60 Kilometern beginnt. Es sei außerdem klar, dass jeder Sport seine eigenen Regeln braucht um zu klaren Strukturen zu kommen. Jeder solle gleichwertig behandelt werden. Für ihn gehe es vor allem darum, die Leute vom Stress runterzuholen und ihnen ein kleines Stück Freiheit zu schenken. Die Leistungsläufer seien laut ihm ohnehin in der Unterzahl. 95 Prozent gehe es rein ums Erlebnis und das sei richtig so. "Weil nur erleben leben ist" sagt er.
 "Trailrunning ist autonomes Laufen, Abenteuer, Erlebnis und Expedition. Alles kann direkt vor der Haustüre passieren" definiert Bosnjak den weitläufigen Begriff. Er wolle nicht Straßenläufer ins Gelände transferieren, sondern ein eigenes Gefühl schaffen.

Feichtinger und Bosnjak
"Startnummer rauf und Hirn aus gibt es bei uns nicht" erklärt der ATRA-Vorstand. Er könne und wolle den Läufern nicht dieselben Bedingungen wie auf der Straße gewährleisten. "Man muss bereit sein den Luxus abzulegen und mit der Natur zu kooperieren" sagt Bosnjak.  Immer blind nach Höhenmetern und Wegstrecke zu laufen, hält er für unsinnig: "200 Höhenmeter vor dem Everest-Gipfel drehst du auch nicht um, weil dir die Uhr eine andere Höhe anzeigt" lacht Thomas. Wichtig ist dem Veranstalter vor allem der Schutz der Umwelt, darum gibt es auch keine Becher bei Labstellen im alpinen Gelände. Wer bei seinen Veranstaltungen die Umwelt verschmutzt, muss mit einer Disqualifikation rechnen, denn Arbeit hat Bosjak ohnehin genug: Die Planung eines Events, wie es der Hochkönigman mit 500 Teilnehmern ist, dauert bis zu einem Jahr. "Ich muss Strecken suchen, mit Grundstückseigentümern diskutieren, mit Sponsoren verhandeln und helfende Hände organisieren und das alles auf eigenes Risiko" sagt der Trailprofi. Es sei ihm aber ein großes Anliegen die Szene zu verbessern. Nicht umsonst hat Bosnjak auch einen 100-Meilen Trail in Österreich eingeführt. Top Sport Öhner- Athlet Peter Baiger siegte beim Via Natura Trail (etwa 170 Kilometer) in etwas mehr als 29 Stunden. Auch die Zusammenarbeit mit dem österreichischen Leichtathletikverband (ÖLV) treibt er voran. Dort soll die ATRA nämlich bald eingegliedert werden, als eigene anerkannte Sparte. Im November wird in Peking darüber verhandelt. Für die internationale Trailrunningorganisation (ITRA) übernimmt Bosnjak die Planung des Weltcups und die Ausbildung der Guides. "Es ist viel Arbeit, aber langsam wird es" lächelt der engagierte Sportler.


Auch zum Trend, den Blick eher auf die Zeit, als auf die Umgebung zu richten, hat der in Haag am Hausruck lebende Läufer einen klaren Standpunkt: "Ich war selbst immer so und möchte absolut niemanden verurteilen. So fängt jeder an. Ich kreide mir selbst an, dass ich es zu wenig genossen habe" erklärt der Attnanger. Jetzt sieht er das ganz anders. "Wenn du schon etwas erreicht hast, ist es nicht mehr so wichtig überall zu gewinnen. Dann schlagen sie halt mal den Bosnjak" sagt er und lacht. Selbst will er heuer beim Großglockner Ultra- Trail (110 Kilometer) und beim Traunsee-Bergmarathon (70 Kilometer) an den Start gehen. "Ich lasse mir das offen. Wenn der Stress eine Woche Ruhepause vor dem Wettkampf zulässt, werd ich mein Bestes geben" sagt er. Er selbst sehe sich eher als Downhill-Spezialist, als als Bergläufer. "Da musst du dann dein Hirn ausschalten und niemanden mit auf die Strecke nehmen" erklärt er. Man bekommt Bosnjak zwar von der Straße, aber die Straße nicht aus ihm. Als "Pacemaker" kann man den geschäftigen Traunviertler auch noch bei Marathons erleben. Für eine Zeit von 2 Stunden und 25 Minuten müsse er dann aber auch "ordentlich trainieren".

Dass das Trailrunning viele Wanderer stört, könne er nicht verstehen. "Wir laufen auf markierten Wanderwegen, zerstören nichts, passen auf die Mitmenschen auf und die 5 Prozent Ehrgeizler tun doch auch keinem weh" sagt Thomas und ergänzt: "Ich versteh schon, dass das auf technisch schwierigeren Bergen, nicht so gut ankommt, aber das hat es alles schon vor dem Trailrunning gegeben. Das sind eher schlechte Ausreden". Als Obmann der ATRA weise Bosnjak immer daraufhin, dass die nötige Sicherheitausrüstung mitzubringen sei und führe Trainings- und Ausbildungseinheiten ausschließlich auf leichteren Bergen durch.

"Wenn er im Oktober und November wieder mehr Zeit für private Sachen hat, werde ich mich auch nicht beschweren. Es ist schon gut, dass wir gemeinsam arbeiten" lacht Sybille Feichtinger. Sie ist die Frau an Thomas Seite und unterstützt ihn, wo sie nur kann. Vor allem aber übernimmt sie die Arbeit im Trailshop in Gmunden, wenn Thomas wiedereinmal für die ITRA in Frankreich oder in der Schweiz weilt oder eine seiner 35 Veranstaltungen organisiert. Selbst hat sie sich mehr der Fotografie als dem aktiven Laufen verschrieben. "Das lässt sich  wunderbar kombinieren" erzählt sie und lichtet auch die Teilnehmer bei den "B'jak- Läufen" ab.

Nun will sich ein weiterer Sportler von Thomas untersuchen lassen um das Beste aus sich herauszuholen. Der "Chef" verabschiedet sich in die hintere Kammer des Shops, wo er sich sein eigenes "Diagnostik-Zentrum" eingerichtet hat, während Sybille den Laden schmeißt wo nicht nur die gesponserten Red-Bull Dosen  Flügel verleihen.Sie freut sich schon auf den gemeinsamen Feierabend, denn ein bisschen B'jak muss dann auch für sie sein....



THOMAS BOSNJAK UND DIE ATRA



  • Trailshop "B'jak": Johann-Evangelist-Habert-Straße 14, 4810 Gmunden, Geöffnet von Dienstag bis Samstag von 09.30 - 18.00 Uhr
  • Ausbildung für Trail Running Guides
  • Leistungsdiagnostik
  • Trailrunning
  • Trailrunning- Camps
  • Organisierte Funny Trails
  • Mehr Informationen unter: www. trailshop.at und www.trailrunning-verband.at


Mehr über Gabriel Egger:

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