Lauf Forrest, Lauf!

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Wir laufen. Laufen. Laufen. Davon. Ins Ziel. Wir laufen.

Eine Aufforderung, die wohl jedem Läufer und jeder Läuferin, auch ohne bewaldetem Vornamen, ein Begriff ist. Das ist beinahe ein gleich abgedroschener Klassiker wie „Hopp hopp hopp“ , das man vorwiegend von Zusehern bei Veranstaltungen oder aber auch von halblustigen Halbwüchsigen bei Trainingsläufen im Stadtgebiet zugerufen bekommt. Was Tom Hanks in seiner Vorzeigerolle macht, weil sein Intelligenzquotient nichts Anderes zulässt, gab es aus ähnlichen Gründen bereits in der Urzeit: Das unbeirrte Laufen. Weil die Jäger dieser Zeit noch nicht auf ausgereifte Technik zurückgreifen und schon gar nicht Betretungsschilder für Wanderer aufstellen konnten, nutzten sie einfach ihre körperlichen Fähigkeiten und liefen den Tieren nach, um sie einzufangen. Oft stundenlang, bis sich diese vor Müdigkeit und Erschöpfung ihrem Schicksal hingaben. Noch heute wird in gewissen Regionen rund um die Dornbuschsavanne Kalahari auf diese seltsam anmutende Jagdmethode gesetzt. Ein doppelter Nutzen für den eigenen Körper oder einfach nur blöd?

Antike Distanzen und die moderne Qual


Die ersten sportlichen Wettkämpfe entstanden freilich in der Antike und feierten bei den olympischen Spielen mit einer Distanz von 1500 Metern Premiere. Mancher Ultra-Trailläufer zuckt in der Gegenwart auf dieser Strecke zweimal mit der Wimper und holt einmal Luft. Aber auch Laufen will gelernt sein! Nach dem Mittelalter, das eher an russischem Roulette, als an der Weiterentwicklung des Laufsports interessiert war, folgte in England die Wiedergeburt. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich mit dem Pedistrianismus eine eigene Strömung, die darauf bedacht war, möglichst viele Wegabschnitte zu Fuß zu absolvieren. In der heutigen Zeit, in der die Bequemlichkeit des fahrbaren Untersatzes auch nicht vor Strecken unter einem Kilometer Halt macht, undenkbar. Mc Drive und Konsorten machen es möglich. Essen auf Rädern bekommt schnell eine andere Bedeutung. Da ist es auch egal, wenn man sich mal dreißig Minuten beim Schalter anstellt. Die Olympischen Spiele der Moderne machten auch den Laufsport endgültig modern. Bis heute erfreuen sich Laufwettbewerbe kontinuierlich größerer Beliebtheit. Dass aber dabei Leichtathletik-Veranstaltungen weniger besucht sind, als die Präsentation eines neuen Transfers des FC Stuckneusiedel in der untersten Fußball-Spielklasse Österreichs, bleibt ein Rätsel.

Bin ich jetzt ein Trailrunner?


Moritz beim Ötscher-Mountainrun
Neben talnahen Laufsportevents, die sich mittlerweile wöchentlich in allen Bundesländern abwechseln, hat sich aber vor allem das Laufen abseits asphaltierter Straßen besonders gemausert. Das sogenannte „Trailrunning“, das in der Grundbedeutung nichts weiter als Waldlauf oder Landschaftslauf bedeutet, ist besonders im vergangenen Sommer in Mode gekommen. Und das nicht nur bei wirklichen Läufern. Wer sich im Gebirge auf Pfaden schnell aufwärts bewegt ist kein Trailrunner, sondern einfach nur schnell und ausdauernd. Die Grundbedeutung, das tatsächliche Laufen, wird schnell vergessen und mit dem geeigneten kurzen, eng anliegenden Höschen, einer Kappe, die möglichst einen klingenden Namen tragen, aber nicht unbedingt vor der Sonne schützen soll und einem Rucksack oder respektive einer Bauchtasche, in die möglichst wenig Ausrüstung passt, ist man ja auch optisch schon sehr nahe dran.

Das ist keineswegs eine aufkommende Lagerfeld -Attitüde meinerseits und die Kontrolle über ihr Leben haben besagte Sportler damit schon gar nicht verloren. Es könnte sogar nichts Egaler sein, als die optische Passform der Kleidung im Gebirge und auf welcher Art man sich fortbewegt. Hauptsache man tut es. Es soll nur zeigen, dass sich ein breites Spektrum diesem Gebiet der alpinen Betätigung zugehörig fühlt. Was es aber heißt, diese Strecken unter enormem Kraftaufwand tatsächlich zu laufen, wissen vor allem die Teilnehmer an Marathonläufen im Gelände.

Lange Strecken, große Steigungen, enormer Zeitaufwand. Die Ultra-Trail- Bewerbe überbieten sich momentan an dem Versuch den eigenen Körper an die Leistungsgrenzen zu bringen. Und das ist gut so. Warum? Ganz einfach: Das Laufen ist ein Urinstinkt des Menschen. Seit jeher laufen wir. Wir laufen in die selbe oder entgegengesetzte Richtung, laufen um Gedanken zu Ende zu spinnen oder sie neu aufzurollen, laufen um abzuschalten oder wir laufen schlicht und einfach davon. Vor unseren Problemen, vor uns selbst, vor Entscheidungen. Laufen ist effizient. Auf sehr vielen Ebenen. Dein Körper dankt es dir mit Sicherheit. Die Stärkung des Immunsystems und des Herzens, die Anpassung des Ruhepulses, die verdoppelte Vitalkapazität und natürlich die Vorbeugung von kugelrunden Pensionsbäuchen und Gefäßkrankheiten sind nur ein paar wenige Aspekte, die die Gesundheit des Sports unterstreichen.

Alles schön und gut, aber die Sinnhaftigkeit von brutalen Konditionsbewerben ist damit immer noch nicht geklärt. Warum soll es also gut sein, an der eigenen Leistungsgrenze zwischen Zieleinlauf und dem Einlauf, den man in heimischen Krankenhäusern verpasst bekommt, zu agieren? Adrenalin, Glücksgefühl, Ehrgeiz. Was? Da reicht es doch auch angesprochenem Tom Hanks seine Schachtel Pralinen zu entwenden, dass er weiß, dass er nichts mehr kriegt um seinen Adrenalinhaushalt in Ordnung zu bringen. Oder man versucht, trotz mangelndem Zeitkontingent eine Prüfung mit Sehr Gut zu bestehen. Wär doch eine optimale Kombination aus Ehrgeiz und späterem Glücksgefühl. Wut, Kampf, Gleichgültigkeit. Was soll daran bitte gut sein? Hoffnung, Überwindung, Zufriedenheit. Ja, das versteht man wieder.

All das sind Faktoren, die bei einer Grenzerfahrung eines tagelangen Laufes mitwirken. Man kommt an seine eigenen Grenzen, überwindet diese oder scheitert daran um es beim nächsten Mal erneut zu versuchen. Das Gefühl, das einen nach absolviertem Kraftakt überkommt, ist unvergleichlich und hat schon die ein oder andere Tränendrüse eines noch so starken Menschen, angeregt. Man spürt das Leben, auch wenn man es währenddessen oft verflucht. Dabei geht es viel mehr um Erfahrungswerte als um den tatsächlichen Triumph. Gewinnen kann man auch ohne die Blumen am obersten Stockerl entgegenzunehmen. Auch der Sekt und die Hand des Landeshauptmanns sind nicht erstrebenswert.

„ Gewinnen heißt nicht, an erster Position zu stehen oder die anderen zu besiegen. Gewinnen heißt sich, selbst zu besiegen. Wenn wir uns gegen unsere Körper behaupten, gegen unsere Grenzen, gegen unsere Ängste. Gewinnen heißt sich selbst zu übertreffen und seine kühnsten Träume Realität werden zu lassen“

- Kilian Jornet (spanischer Ultraläufer und neuer Speedrekordhalter am Aconcagua in seinem Buch Lauf oder stirb)

Jeder Mensch wird seinen Weg finden um sich und seinen Körper in Einklang zu bringen. Er hätte zumindest einen Versuch verdient. Aller Anfang ist schwer. Doch traut man sich einmal zu beginnen, wird es laufend besser.

“Es sind nicht unsere Füße, die uns bewegen, es ist unser Denken.” 




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