14. Februar 2015: Der Traum von der ewigen Jugend- Berglaufrunde am Traunsee

1.970 Höhenmeter, 27.2 Kilometer Laufstrecke


Autor


"Ich kenne unzählige Menschen, die nach dem ewigen Leben dürsten, aber mit einem verregneten Sonntagnachmittag nichts anzufangen wissen."

Johannes Gross- ehemaliger Chefredakteur "Capital"




Young, wild and free


Es ist Samstag Abend. Leicht bekleidete Damen mit zugehörigem Spitz schlendern durch die Gassen der Altstadt. Es ist lau. Junge Burschen gestikulieren wild , pfeifen und untermalen mit obszönen Gesten ihr alkoholisiertes Balzverhalten. Zu gern würden sie ihre Männlichkeit unter Beweis stellen. Die Wolken haben sich verzogen und offenbaren einen Sternenhimmel, den man in dicht besiedelten Wohngebieten nur ganz selten präsentiert bekommt. Der verschmutzte Schleier hat sich gelegt, die Lichter sind gedämmt. Der große Wagen lacht herab, als wolle er sagen: "Steigt heute nicht mehr ein, betrinkt euch lieber". Es ist laut. Aus den umliegenden Diskotheken dröhnt das Motto der heutigen Nacht.

Love me tonight girl , we won't meet again
Don't fight the feeling, cause love ain't a sin
Let your body decide what it does
It's okay baby, 

'Cause everybody fucks.

Die Nachtschwärmer bilden Schlangen. Die Türsteher, meist breitgebaute, respekteinflößende im Schatten lebende Gestalten kontrollieren die Ausweise. Die Luft ist adrenalinschwanger. Vergessen macht sich breit. Kollektive Ignoranz gegenüber gegenwärtigen Problemen. Es entstehen Sprachbarrieren zwischen Einheimischen. Grenzen verschwimmen. Alkohol rinnt die Kehlen hinab, als wär er Ambrosia. Es stinkt. Oder ist das der Duft der Nacht? Die Nacht gehört uns bis zum Morgen. Wir spielen jedes Spiel.

"Hey, darf ich dich einladen?"
"Gerne."
"Was willst du trinken?"
"Sekt"
"Sekt?"
"Sekt"
"Alles klar"

Erika ist 50 Jahre alt. Ihre Lippen sind von einer roten, hell glänzenden Schicht überzogen. Ihre Augenlider perfektionieren den Gesichtszirkus. Die Haut ist straff. Sie ist straff, aber nicht jung. Manche Züge zeugen von Erlebtem. Von schwierigen Zeiten und von Zeiten wie diesen. Erika ist kein Mannequin. Trotzdem zieht sie die Blicke auf sich.  Vielleicht liegt es an ihrem Minirock, den sie wie eine Strumpfhose eng anliegend an ihre Haut gepresst hat. Oder an ihrem üppigen Dekolleté, das die Altersschwäche ihrer überdurchschnittlich großen Brüste stilvoll verdeckt. Die Higheels, die über das Minimundus ihrer Körpergröße hinwegtäuschen und sie zum Empire State Building des Nachtclubs machen, runden das fiktive und doch reale Erscheinungsbild ab.

"Mama du bist peinlich" hört sie ihre Tochter sagen.  Das ist ihr heute egal. Die unzähligen Stunden, die sie mit der Erziehung ihres Sprösslings verbracht hat. Der Streit mit den Männern. Die Scheidungspapiere. Das Alleinsein. Das ewige Pendel zwischen dem schwindenden Selbstvertrauen, das wie loses Gestein von ihrer Seele bröckelt und der Euphorie, die sie über die zweite Midlife-Crisis hinwegträgt. Alles das ist egal. Heute zählt nur die Nacht. Sie gehört ihr. Ihr und ihrem neuen Verehrer, der ihr mit schlotternden Knien den Sekt an die Bar bringt. Ob das Schlottern vom übermäßigen Alkoholkonsum oder der jugendlich-männlichen Nervosität kommt, weiß sie nicht. Auch das ist ihr egal. Der Junge ist kaum zwanzig. Er hängt an ihren prallen Lippen. "Komplette Blaselippen" hat sie ihn zu seinen Freunden sagen gehört.Es ist ihr nicht unangenehm. Auch nicht, dass er sie als "Milf" (Mom I'd like to fuck) bezeichnet hat. Es schmeichelt ihr, auch wenn der Junge offensichtlich noch nicht exakt weiß, wie er mit Frauen umgehen muss. Er weiß also, dass sie nicht mehr die Jüngste ist. Das erspart ihr zumindest einmal das erschrockene Gesicht.

"Wie heißt du?"
"Ich bin Erika. Und wie heißt du?"
"Dave. "
"Dave the Brave?"
"Was?"
Der Witz ist veraltert. Kommt nicht gut an. 

"Wie alt bist du, David?"
"Nenn mich Dave, David nennt mich meine Mutter"
Autsch. Mit Anlauf ins Fettnäpfchen. Schließlich könnte sie das ja sein. 

"Also, Dave. Wie alt bist du?"
"Ich bin 19. Werd morgen 20. Könntest mein Geburstagsgeschenk werden"

Erika muss lachen. Soviel Unverfrorenheit. Sie hat sich damit abgefunden. Das läuft nunmal so. Das ist die Jugend. Sie muss sich anpassen. Eigentlich findet sie es ja auch spannend. Sie könnte jetzt  noch eine Stunde lang mit ihm über Themen reden, von denen er keine Ahnung hat oder umgekehrt. Was interessieren ihn die eben durchgestandenen Wechseljahre? Was interessiert sie wieviele Shots er schon getrunken hat? Oder sie beendet das Gespräch hier und fühlt sich wieder jung. Für ein paar Minuten. Wenn's gut geht.

"Komm mit".


Young, wild and free


Das Morgengrauen befreit die nächtliche, dunkle und starre Landschaft gerade von ihren kalten Fängen. Das Morgenrot scheint  wie eine Raupe aus dem Kokon der Nacht zu schlüpfen und die ersten Flügelschläge zerreißen die Ummantelung der Schatten. Der Traumstaub hat sich verflüchtigt. Die kalte Herbstluft schlägt einem brutal ins Gesicht und ist doch ein würdiger Sparringspartner. Robert steigt aus seinem Wagen. Der Nebel legt sich ihm beißend um den Kopf. Die Gedanken bleiben klar. 
Er schnürt die Schuhe, packt seinen Rucksack und läuft im Eilschritt die Straße am Traunsee hinauf. Er ist sie schon so oft gelaufen. Zu jeder Jahreszeit. Bei jedem Wetter. Sie ist ihm ein Freund geworden. 

Robert ist 60 Jahre alt. Sein Gesicht zeugt von vielen Erfahrungen. Er legt keinen Wert darauf diese zu verstecken. Sie machen ihn zu einer Persönlichkeit. Die  verworrenen Linien spiegeln seinen Charakter wider. Robert ist Sportler. Er läuft, klettert, geht, steht und steigt. Doch er dreht sich nicht im Kreis. Bleibt nicht an einem Fleck haften. Die Ländergrenzen stellen für ihn keine dar. Er ist mal hier, mal dort. Seine Vita ist beneidenswert. Menschen, Länder, Städte, Flüsse, Berge, Sitten, Bräuche, Heiligtümer, Landschaften, Gutes, Böses, Nützliches. Alles hat er schon gesehen. Er arbeitet hart. Im Berufsleben und an sich selbst. 

"Servas Robert!"
"Bonjour, Gerald! Ca va?"
"Alles Bestens. Braugst di nur umschaun. Unten da Nebel, da heroben dSunn."
"Vraiment! Richtest ma an Kaffee her?"
"Frali, kummt sofort"

Mittlerweile ist Robert am Plateau des Traunsteins angekommen. Der Berg, der als Tor zum Salzkammergut jedes Jahr soviele Menschen in seinen Bann zieht, hat auch ihn an seine abweisenden Wände gefesselt und ihn doch mit solcher Sanftmutigkeit umarmt, dass er das ewige Band nicht mehr zu trennen vermag. Genüsslich trinkt er seinen Kaffee. Unterhaltungen folgen. Robert kennt seine Pappenheimer. Über 400 Mal hat er den Weg auf den 1.691 Meter hohen Felskoloss bereits angetreten. Nur wenige Male ist diese lange Freundschaft unterbrochen worden. Der Traunstein ist nicht schuld. Der ist ja immer da. Mit 48 Jahren hat Robert seinen ersten Marathon bestritten. Vor wenigen Jahren ist er über 330 Kilometer gelaufen. Kaum Schlaf. Offizieller Masochismus. Durfte sich als Mitfünfziger "bester Österreicher" nennen. Läuft der Jugend um die Ohren. Hat immer noch großen Spaß daran, seine Grenzen Jahr für Jahr nach hinten zu verschieben. Er ist kerngesund. Kein Hecheln, kein Schnaufen, keine künstliche Hüfte. Kein Raucherbein, keine Bewegungseinschränkung, keine Langeweile.

"Heut habi was zum Feiern, Gerald!"
"Wosd ned sogst?"
"400 Mal habis scho auffagschafft"
"Fehlen da noch 600 Mal"
"Bin ja auch nu jung"

Robert trinkt seinen Kaffee aus, blickt ein letztes Mal zu den Nordwänden des Toten Gebirges, sprintet zum Gipfelkreuz und läuft den Berg wieder hinunter. Ein Getriebener? Vielleicht. Vielleicht aber auch getrieben von dem Wunsch seiner Familie ihn zu sehen. Und umgekehrt. Er sitzt beim Mittagessen. Er isst für zwei. 

"Nächste Wochen kletter ich den Piz Bernina"
"Ge Robert, in deim Alter noch?"
"Jünger werdi nimma"
"Eh, aber vielleicht solltest du langsam ruhiger werden"
"Ruhig, wie da Franz, der ruhig sein fünfzehnten Schnaps runterkübelt und dann ruhig sei Frau herklopft, weil er die personifizierte Williams-Birne ist? Na danke. Da bleibi lieber laut"
"Ge Robert"
"Aber hast Recht, jetzt les i mal a Buch. Danke fürs gute Essen"

Robert setzt sich vors Fenster. Sein Blick schweift über die Straße. Er schlägt ein Buch auf ohne es zu lesen. Seine Augen fixieren die Straßenlaternen. Der Nebel umringt den Ort. Die Menschen sind wie Gefangene unter der Haube des Zwielichts. Es wär doch so leicht auszubrechen. 

Verbringe die Zeit nicht mit der Suche nach einem Hindernis. Vielleicht ist keines da.

"Da hat er schon Recht, der Kafka."

Normale Bahnen, falsche Richtung


Das geschulte Auge hat mit Sicherheit sofort erkannt, dass sich die beiden Zwischenüberschriften gleichen. Ja, sie sind sogar per Mausklick kopiert. Das ist kein Fehler und auch kein stilistischer Griff in die Sanitäranlagen. Wer sich hier freuen darf, ist Batmans ewiger Gegenspieler. Two-Face hat nämlich auch auf diese Zeilen Einfluss genommen. Er hält den Menschen den Spiegel der Gesellschaft vors Antlitz und lässt sie erkennen, dass sie zumindest zwei Gesichter haben. Zumindest.

Jung sein. Wild sein. Frei sein. Wer wünscht sich das nicht? Warum sollte sich das ein 70-jähriges Mütterchen mit Gehhilfe nicht genauso wünschen, wie ein angetrunkener 16-jähriger, der sich den leidenschaftlich-betrunkenen Zungenküssen mit einem leidenschaftlich-betrunkenen Mädchen hingibt? 

Warum soll man sich im jungen Alter nicht mächtig daneben benehmen? Warum sollte man seiner Leber nicht eine Menge an Arbeit zuschanzen? Warum sollte man nicht in der Polygamie leben, wenn man keine feste Bindung hat? 



So what we get drunk

So what we smoke weed

We're just having fun

We don't care who sees

So what we go out

That's how its supposed to be

Living young and wild and free



Warum aber ist nur das, der Inbegriff von "Young, wild and free?" Die von amerikanischen Musikern geprägte Aussage zielt darauf ab eine Seifenblase zu erzeugen, die das Auge aber bei näherem Betrachten zur Nadel werden lässt. Und weg ist sie. 
Oftmals wird vergessen, was der menschliche Körper fähig ist zu leisten, außer eine Flasche Schnaps zu verarbeiten oder eine Schachtel Marlboro in Form von grünem Auswurf zu beseitigen. 
Es wird vergessen, wie frei wir wirklich sein können. Ohne Rauschzustand. In einer unendlichen Weite voll Energie. Voll aufgesogenem Leben. Es wird vergessen, wie wild wir inmitten von zerklüfteten Berghängen sein können. Oder in der Prärie. In der Antarktis. Im Atlantik. Im Disneyland. 
Die Reduzierung dieses weitaus umfassenderen Begriffs auf Alkohol, Sex und Drogen ist nicht nur haltlos, sondern spielt mit den falschen Mitteln. Es vermittelt Werte, die zwar durchaus jedem Menschen ein praktischer Begriff sind, die aber dauerhaft freilich absolut nicht zielführend sind und in eine konträre Richtung laufen. 

Sich wieder jung fühlen wollen ist legitim. Was man daraus macht und vor allem wie man es versucht, ist jedem Menschen selbst überlassen. Dabei sind die Beispiele von Erika und Robert nur zwei von ganz vielen Möglichkeiten. Über die erstrebenswerte Richtung soll an dieser Stelle kein Kommentar abgegeben werden. Zu subjektiv und persönlich ist die Entscheidungsfindung. Zu komplex das Thema, um nicht nach dem ohnehin schon ausufernden Bericht ein Buch schreiben zu müssen.

Was ich aber weiß ist, dass es viel Überwindung kostet die gesunde und körperlich leistungsfähigere Variante einzuschlagen. Das hat mir mein Freund Robert vergangenen Samstag bewiesen.

Berglaufrunde am Traunsee


Schon lange wollten Robert und ich eine gemeinsame Laufeinheit absolvieren. Vom langjährigen Teilnehmer am Bergmarathon rund um den Traunsee erwartete ich mir zusätzlich Tipps und Erfahrungsberichte für meine Premiere im kommenden Juli. Frisch aus Valencia zurückgekehrt hat Robert auch kurzerhand ein sportliches Treffen vereinbart und das Auto in der Nähe des Seilbahnparkplatzes am Grünberg abgestellt. Natürlich sollte es heute auf unser beider Lieblingsberg, den Traunstein gehen und mit dem vorgelagerten Touristenberg wurde auch schnell eine Aufwärmrunde festgelegt.

Über den Ortnersteig geht es in moderatem Tempo auf den 1.004m hohen Hügel am Traunsee. Der Schnee in den unteren Passagen störte kaum, auch wenn heute sogar noch Skifahrer vorzufinden sind.
Der Nebel lichtet sich bald und so steht auch einer sonnigen Laufrunde nichts mehr im Wege. 

Der Nebel lichtet sich

Nach 35 Minuten erreichen wir den Gipfel und beschließen über die Hohe Scharte zum Naturfreundesteig auf den Traunstein zu gelangen.  Das haben wir uns ein bisschen zu einfach vorgestellt. Weil ja doch noch Winter ist und sich dann nicht allzuviele Menschen an den Laudachsee verirren, haben wir ab der Ramsaueralm bald eine geschlossene unverspurte Schneedecke, die sich nicht sonderlich für einen Lauf eignet.

Das eingefrorene Brünnlein



Der zugefrorene Laudachsee mit Katzenstein

Wir beschließen umzudrehen und laufen, dem offziellen Marathon-Weg folgend, nach Radmoos , wo wir über den Umkehrparkplatz und die beiden Lainau-Tunnel schnell den Einstieg zum Naturfreundesteig erreichen.

Auch am Naturfreundesteig lichtet sich bald der Nebel
Der Allzeit-Klassiker wird dann in noch moderaterem Tempo begangen. Schließlich haben wir uns viel zu erzählen. Auch Moritz Alleingang am Zierler, der nur wenige Stunden später starten sollte, ist Gesprächsthema. Angenehme und spannende Gespräche folgen, während wir die Trittstifte und bald auch das Böse Eck passieren. Dort haben sich Robert und ich schon vor zwei Jahren kennengelernt. Fast romantisch. Wo sonst, außer am Traunstein?

Die Trittstifte


Auch heute wieder ein famoser Tag am Traunstein

Wir erreichen das Naturfreundehaus und einigen uns auf ein langes Sonnenbad. Der Gipfel, den wir beide schon so oft erreicht haben, wird heute nicht mehr unsere Fußspuren tragen.

Schon beinahe aper präsentiert sich der Weg

Die nordseitige Rinne ist ein Schnee-und Eisgarant

Sonnenpause am Naturfreundehaus in 1.580 Metern Seehöhe

Über eine Stunde lauschen wir der Ruhe, unterhalten uns und tauschen Erfahrungen aus. Im Laufschritt geht es anschließend über den Naturfreundesteig auch wieder zurück ins Tal. 

Immer wieder großartig
Abstieg ins Nebelmeer
Unten angekommen, legen wir noch die restlichen Kilometer zurück zum Ausgangspunkt laufend zurück und steigen mit 1.970 Höhenmetern und 27,2 Kilometern in den Beinen ins Auto.

Die Felsnadel des Sulzkogels

Auch wenn die Gegend schon bekannt ist (und darum auch mein eigentlicher Bericht sehr knapp ausgefallen ist) ist es immer wieder wunderbar am Ufer des Traunsees zu laufen und spannenden Geschichten zu lauschen. Es war sicherlich nicht das letzte Mal, dass ich mit Roberto unterwegs war. Das Alter unterscheidet uns zwar. Die Einstellung nicht. Und schließlich kann er auch 95 sein und ich 14. Es geht um das Erlebnis und den Spaß. Generationenübergreifender Spaß. Und den hatten wir. Nach den langen Zeilen, darf nun auch die Konzentration nachlassen und ihr könnt euch entspannt die Bilder des Tages ansehen:

ACHTUNG: DIE GESCHICHTEN UND GESPRÄCHE VON ERIKA UND ROBERT SIND FREI ERFUNDEN
Auch wenn bei Robert einige Fakten der Wahrheit entsprechen.



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