Wintereinbruch: Der Hochkönig wird zur Expedition




Des Königs neue Kleider


2.000 Höhenmeter, 20 Kilometer Wegstrecke


Von Gabriel Egger




Unsere Intention war es den Hochkönig, nach dem Wintereinbruch, ohne Hilfsmittel (Schneeschuhe, Ski, Helikopter) und aus eigener Kraft (Füße, Hände, Knie und Hüfte) zu besteigen und Roman auf dem Matrashaus den letzten Besuch vor der endgültigen Schließung abzustatten. Vielleicht eine etwas eigenartige Idee und mit Sicherheit ein Haufen "Arbeit" aber eine durchaus lohnende Unternehmung bei diesen Verhältnissen. Zudem sind die einzigen beiden Gruppen, die mit Skiern unterwegs waren, auf etwa 2450m umgedreht, weil es durch die Verwehungen zu wenig Auflage gab.


So nach diesem nach Verteidigung riechendem Prolog nun zum Hauptteil meiner Geschichte:

Nach einigen Überlegungen, was es wohl an diesem Wochenende Wirres zu erledigen gäbe, entschlossen sich Moritz und meine Wenigkeit das winterliche Spätherbstwetter auf dem Hochkönig zu genießen. Das (noch)offene Matrashaus garantierte wenig bis gar keine Erfrierungen und so visierten wir Freitag Mittag das Arthurhaus an.

Dort angekommen, mussten wir das, was uns ohnehin schon beinahe klar war, etwas entmutigt zur Kenntnis nehmen: Auf der einen Seite fröhliche Skitourengeher auf präparierten Hängen, die den Winter in seinen ersten Versuchen den Herbst aufs Abstellgleis zu bugsieren in vollen Zügen genossen, und auf der anderen Seite: Zwei Deppen mit Bergschuhen und Stöcken, die mit ihren Ausverkaufs-Gamaschen einem völlig verschneiten Forstweg zur Mitterfeldalm entgegenblickten. Naja, was solls. Wir haben ja eh zwei Tage.

Motiviert verlässt Moritz den präparierten Weg und versinkt bis zur Hüfte im Tiefschnee. Sein Blick sagt mir: Das könnte heute anstrengend werden. Die wilde Spurarbeit kann also beginnen...

Heftige Spurarbeit zur Mitterfeldalm

Auch Moritz quält sich die Forststraße hoch
Der erste vernebelte Blick zum Hochkönig-Massiv

Das Wetter präsentiert sich noch durchwachsen und die umherziehenden Nebelfetzen sorgen für ein Auf-und-Ab des spurenden Gemütszustandes. Wir brauchen eine ganze Stunde um die Mitterfeldalm zu erreichen und betreten erfreut die warme Stube. Hans, Pächter der idyllischen Alm, blickt uns vorerst entgeistert an. Nachdem wir ihm unsere Pläne schildern und mit einem "Ich weiß, is a bissl gstört" beenden, garantiert er uns nach einem nickenden "Najo, wenn du des sagst, wird des sicher seine Richtigkeit haben" einen Schlafplatz und wir können den heutigen Nachmittag noch für Spurarbeit verwenden.

Die erste mühsame Querung und der kurze Abstieg zu den ersten Seilversicherungen, sowie der folgende steile Aufschwung belasten unsere Beinmuskulatur nocheinmal ordentlich. Doch mittlerweile senkt sich der Nebel immer mehr, und wir kommen in den Genuss von fantastischen Blicken zum gegenüberliegenden Tennengebirge. Auch der Blickfang Torsäule rückt immer näher und erweckt Moritz alpine Klettergelüste.

Das Tennengebirge befreit sich langsam von seinem Wolkenschleier


Auf etwa 2400 Metern, um 16:15 Uhr, beschließen wir umzudrehen, um wie dem Wirten versprochen, vor Einbruch der Dunkelheit zurück zu sein. Im Abstieg begegnen wir schließlich zwei Tourengehern, in voller Montur und zusätzlich mit Schneeschuhen ausgestattet. Die Beiden wollen noch heute den Gipfel erreichen um am Matrashaus zu nächtigen. Falls ihnen die Kraft, beziehungsweise Lust, ausgehen sollte, wollen sie biwakieren.

Um die Problematik einer solchen Situation für einen Hüttenwirt auf 2.941m darzustellen, möchte ich kurz diesen Umstand aus der Sicht von Roman schildern (Quelle: www.matrashaus.at):

"Gestern Nachmittag hat mich Hans von der Mitterfeldalm angerufen.
Zwei junge Burschen möchten am Samstag zu uns rauf kommen und sind schon mal ein Stück aufgestiegen um zu spuren.
Außerdem sind zwei Schifahrer um halb zwei Uhr beim ihm los. Sie hätten gute Lampen und einen Schlafsack dabei.
Aber selbst mit guten Lampen ist die Chance nicht besonders groß noch zu einer vernünftigen Zeit bis zu uns rauf zu kommen.
Der Abend bei uns heroben war zwar wunderschön, aber auch arschkalt."

Während wir in den Nebel, der sich mittlerweile auf 1800 m verzogen hat, absteigen, werden die beiden Tourengeher nur wenige Höhenmeter oberhalb in einer Schneehöhle biwakieren (Ich möchte anmerken, dass die beiden super ausgerüstet waren, also keinesfalls irgendeine Kritik, die gibts bei mir ohnehin selten bei solchen Ideen )

Roman schreibt dazu weiter:

Ich hab mit dem Fernglas immer wieder nach den Schifahrern Ausschau gehalten, es war aber nichts zu sehen.
Ab halb sieben Uhr wird es finster und auf einer weißen Schneefläche hilft auch eine gute Stirnlampe nicht mehr viel.
Mond ist zur Zeit auch keiner mehr, denn am Donnerstag ist Neumond gewesen.

Das letzte Mal hab ich um halb elf Uhr Ausschau gehalten, ob ich irgendwo ein paar Lichter von Stirnlampen sehe. Nix zu sehen.

Zurück auf der Mitterfeldalm genießen wir einen gemütlichen Hüttenabend und die beiden äußerst netten Pächter richten uns für den nächsten Tag bereits ein Frühstück. Unsere durchnässten Sachen trocknen derweil auf den hütteneigenen Heizkörpern. Mama wäre stolz gewesen- um 21.30 Uhr ging es bereits in die Federn und geschlafen wurde auch viel braver und fester als zu Babyzeiten. Um 05.00 läutet der Wecker und kerzengerade und hochmotiviert sitzen wir in unseren Betten und freuen uns auf die nächste Runde.

Lange getrödelt und Hüttenbücher aus der Vorkriegszeit durchstöbert, steigen wir um 06.30 Uhr in unseren Spuren wieder Richtung Hochkönig bergan. Die Sonne lässt noch eine Stunde auf sich warten. Aber so ist das eben mit Prominenten. Lange warten lassen und dann ein sagenhafter Auftritt. Nur die Gämse am Gipfel der Torsäule pfeifen bereits fröhlich in den jungfräulichen Sonnenstrahlen.



Kurz vor dem Umkehrpunkt am ersten Tag
Fantastischer Sonnenaufgang am nächsten Morgen
Über den Wolken....
Die morgendliche Torsäule

In unseren Spuren kommen wir sehr sehr flott voran und stehen nach 1h50min wieder bei unserem gestrigen Umkehrpunkt. Nun geht es recht beschwerlich und oft tief einsinkend in das Kar nebst der formschönen Gestalt der Torsäule. Wir nutzen jeden herauslugenden Stein (und davon gibt es sehr viele) um das Tempo zu beschleunigen. Oberhalb sehen wir plötzlich zwei Tourengeher. "Wann sind denn die bitte gestartet?" fragt Moritz ungläubig. Und er sollte mit seinen Zweifeln Recht behalten. Auf knapp 2550 Metern überholen wir die beiden Biwakierer von gestern Abend, die sich mit Ski und Schneeschuhen am Rücken sichtlich schwer tun. Nach einem recht netten Gespräch entscheiden sich die Niederösterreicher aus Zeitgründen zur Umkehr und dürften bei der Abfahrt noch recht brauchbare Verhältnisse gehabt haben.

Währendessen macht sich Roman am Matrashaus weiterhin Sorgen um deren Verbleib:

Als ich heute am Vormittag weder Spuren noch Schifahrer erspähen konnte, hab' ich doch schon ein wenig besorgt beim Hans auf der Mitterfeldalm angerufen. Vielleicht sind die beiden vernünftigerweise gestern wiederumgedreht. Aber auch auf der Mitterfeldalm ist niemand aufgetaucht.
Wenn ich bis zum späten Vormittag nichts von den Schifahrern erfahre, werd' ich wohl oder übel meine Schi packen müssen und nachschauen was los ist.

Und die Tort(o)ur geht weiter!

Ab diesem Zeitpunkt sind wir ohne Hilfsmittel klar im Vorteil
Die elegante Torsäule im Rückblick
Die ersten großartigen Weitblicke

Ab hier stoßen wir auf sehr brauchbare Verhältnisse undd sind mit unseren Bergschuhen klar im Vorteil. Es präsentiert sich bald ein völlig abgewehtes Plateau, auf dem es mit Ski oder Schneeschuhen doch recht unangenehm wäre. Natürlich- es gibt sie noch, die traumhaften Ausflüge unter die Schneedecke, die von mehr oder weniger bösartigen Flüchen begleitet werden.

Die Aussicht ist heute fantastisch. Wir haben mit einem Samstag am Hochkönig richtig spekuliert. Stubaier, Karwendel, Ötztaler, Totes Gebirge, Tauernriesen (Ich könnt das noch ein wenig fortführen, aber das ist dann doch eher monoton) Jedenfalls kann ich den weiteren Wegverlauf so beschreiben, wie es Stieb und Pichler bei einigen Routen auf den Traunstein tun: "Es geht aufwärts". Das nahende Matrashaus immer im Blickfeld.

So nah und doch so fern: Das Matrashaus am Hochkönig

Das Plateau wird teils mühsam, teils genussvoll überquert
Die Freude ist uns in die Gesichter geschrieben
Bald rückt das sogenannte "Leitl" ins Blickfeld (nicht das am Großglockner)und wir kämpfen uns über dessen vereiste Sprossen zum Matrashaus. Um 11.30 Uhr , nach fünf Stunden, können wir uns vor dem Kreuz endlich in die Hände spucken (nur sprichwörtlich versteht sich). Jeder verdammte Meter, jeder Tritt und Griff in den Schnee, jedes nasse Kleidungsstück und Körperteil hatten sich ausgezahlt: Unvergesssliche Momente.
Die allerletzten Meter, am rechten Bildrand das Leitl
Geschafft: Nach fünf Stunden stehen wir am Gipfel des Hochkönigs (2.941m)
Nicht nur die Freiheit, auch die Fernsicht scheint grenzenlos zu sein
Wir trinken unser mitgebrachtes Bier und genießen eine Weile die Aussicht am Gipfel, bevor im Matrashaus einkehren und bei Käsespätzle und Kaiserschmarren und einem spendierten Schnaps auf die Strapazen anstoßen/anessen. Währenddessen klingelt bei Roman wieder das Telefon:


"Is there snow on the Hochkönig?"
"Yes, a lot of Snow"
"Is it possible with Snow Shoes?"
"Yes, it is possible, but not for everyone"
"And the Königsjodler?"
......

Ein Telefonat, das Roman am Matrashaus wohl öfter führen muss. Wir bleiben drei Stunden am Gipfel, unterhalten uns, lassen uns verschiedenste Routen erklären und steigen dann um 14.45 schließlich dankbar wieder ab. Auf dem Weg nach unten treffen wir auf einen Einzelgänger mit Schneeschuhen. Gestartet um 08.30 Uhr, erreicht er um 15.30 Uhr den Gipfel. Weil sich einige doch möglicherweise über- und die Verhältnisse unterschätzen, war dies der letzte Öffnungstag am Matrashaus.

"Die beiden jungen Burschen, die gestern schon eine Spur gelegt hatten, sind um halb sieben Uhr, noch im Halbdunkel, von der Mitterfeldalm gestartet. Um zehn konnte ich im Fernglas die beiden Burschen sehen, und um halb zwölf waren sie am Matrashaus. Sowas nenne ich eine vernünftige Zeitplanung.
Sie hatten die Schifahrer oberhalb der Torsäule getroffen, wo die beiden biwakiert hatten.


Heute um halb vier kam noch eine Einzelner vom Arthurhaus an. Start am Arthurhaus um halb neun Uhr. Der wollte unbedingt noch absteigen, weil in der Nacht eine Warmfront im Anzug ist und morgen das Wetter schlecht sein soll.

Ich fürchte durch das geöffnete Matrashaus lassen sich ein paar Leute verleiten leichtsinnig spät zu starten. Noch dazu rufen auch schon Tschechen an und erkundigen sich nach den Verhältnissen am Königsjodler.
Es wird Zeit, dass wir den Laden schließen, bevor noch etwas passiert."


Dann kann man wohl nur mehr einen schönen Urlaub wünschen :)

Kaiserschmarren auf winterlichen 2.941m
Ein wehmütiger Abschied
Wir erreichen nach einigen wehmütigen Rückblicken nach 3h15min wieder die Mitterfeldalm, wo wir uns aufwärmen und wieder retour zum Arthurhaus waten. Die nicht-kommerzielle "Expedition Hochkönig" ging also mit einem Haufen Spaß, Spannung und vor allem Schnee zu Ende. Wunderbar, grandios, fantastisch. Das sind Tage, die einem in Erinnerung bleiben.

Was euch allen in Erinnerung bleiben könnte, sind die zahlreichen Fotos, die sich im folgenden Fotoalbum finden! Viel Spaß beim Mit"expeditionieren" :)


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