3 Jahre "bergaufundbergab"- Ein steiniger Rückblick- Teil 1

Aller Anfang ist schwer


Ein leises Keuchen und heftige Flüche, die trotz akuter Atemnot den Weg in aus der Kehle schafften, konnten die Menschen am Gipfel des 2.388m hohen Warschenecks vernehmen, als ich mich die letzten Meter des Südostgrates hinaufplagte. Erst im März desselben Jahres hatte ich nach Jahren des sportlichen Niedergangs meine alpinistische Karriere fortgesetzt. Mit typisch österreichischer "Wampe" und der Kondition einer Weinbergschnecke  wagte ich mich zurück in einen Lebensraum, der mir schon als Kind bedeutende Momente geschenkt hatte. Nach dem Wiener Hermannskogel, der mit 542 Metern einen durchaus "lauwarmen" Einstieg in den Bergsport darstellte, folgten bei wechselnden Tourenpartnern die Klassiker am Traunsee. Es war auch das Jahr, in dem ich meine Freundin fürs Leben finden sollte: Der Traunstein, den ich wegen seiner Anziehungskraft nun verweibliche, wurde in einer mühsamen Tagesetappe erklommen. Die Sonnenbrille war rosarot und ich trage sie noch immer. 

Mein allererster Zweitausender sollte schließlich am 10. Juli 2011 das Warscheneck werden. Und weil mein alter Volksschulfreund Matthias seine alpine Schaffenspause ebenfalls beenden und Kindheitserinnerungen auffrischen wollte, bot er sich an den Chaffeur und Wegbegleiter zu mimen. Das Karstplateau des Warschenecks wurde erklommen und entfachte ein Feuer, das keine Feuerwehr der Welt zu löschen vermochte. Während wir am Gipfel alle umliegenden Berge falsch benannten, wuchs der Wunsch die Kolosse (denn für uns waren es damals himmelhohe Riesen) hautnah zu erleben. Der erste Handschlag bei der Beglückwünschung zum erfolgreichen Aufstieg wirkte elektrisierend und hätte man die Szene vertonen müssen, so käme nur Michael Curtiz Melodram "Casablanca" in Frage: "Hias,  ich glaube das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft". Und das war er.

Greenhorns auf dem Weg nach oben


Die Folgezeit war bestimmt von ahnungslosen Ausflügen in eine übermächtige Bergwelt. Der Große Priel sollte uns bei Schlechtwetter nicht nur jegliche Kraftreserven, sondern auch einen ganzen Tag abverlangen. Bei 4 Grad freuten wir uns am 31. Juli 2011 über den 2.515m hohen Gipfel, den wir auch jetzt noch immer wieder gerne besuchen.
Langsam aber sicher war uns beiden bewusst, dass die Leidenschaft und Euphorie für die heimische Bergwelt nicht so schnell abreißen würde und nach und nach vergrößerte sich unser Equipment. Nach Warscheneck und Großem Priel folgte der Grimming. Wie  sich auch der Geldadel immer wieder den Traum von Freiheit am Dach der Welt erkaufen will, hatten auch wir anfangs wenig Interesse an kleinen Bergen. Doch dieses Blatt sollte sich schnell wenden. Gerade diese Berge offenbaren bei genauerem Betrachten erst ihre mannigfaltigen Geheimnisse.

Der Herbst zog ins Land, die Blätter verfärbten sich und der Hochnebel war verbreitet das vorherrschende Wetterphänomen. Zu dieser Zeit war auch noch Michael, den schließlich die Großstadt vereinnahmte, ein treuer Wegbegleiter. Langsam aber sicher wurde auch das Studium nicht mehr so wichtig und die Berge waren der Dreh- und Angelpunkt in unserem jungen Leben. Unser Umfeld konnte das freilich nicht verstehen. Wir schon. Nur die Frage nach dem "Warum"  konnten wir nie beantworten. Die mentalen und körperlichen Aspekte lassen aus dem Bergsteigen ein Konstrukt entstehen, das dem eines Mosaiks ähnelt. Viele kleine Bauteile verschmelzen zu einem Ganzen. Der Reiz der Umgebung, der Verantwortung und der körperlichen Fitness umfasst einen Großteil der menschlichen Bedürfnisse. Es ensteht eine ganz eigene Art von Liebe, die obwohl sie nicht auf Gegenseitigkeit beruht, schnell zu Abhängigkeit werden kann. Abhängigkeit vom Gefühl der Zwanglosigkeit, der Unbestimmtheit. Die Anarchie der Bergwelt steht im Gegensatz zu unserem von Regeln beeinflussten Alltagsleben. Genau das macht sie so wunderbar. Der Tabakerzeuger "Winston" wirbt mit dem Slogan "Nimm dir Freiheit". Diese Floskeln von Freiheit, die sich in der Werbebranche großer Beliebtheit erfreuen, erleben in den Bergen ihre Erfüllung. Ja, man kann sagen wir nehmen uns jede Woche unsere Freiheit.

Ein "enterischer" Winter


Die ersten Schneeflocken kündigten nach einem großartigen Herbst die kalte Jahreszeit an. Weil wir aber  nicht mehr auf die Berge verzichten wollten, mussten wir Abhilfe schaffen. Nur wie? Eine Skitourenausrüstung wollten wir unseren Studentengeldbörsen aus Zwiebelleder (noch) nicht antun, und so legten wir uns Schneeschuhe, sogenannte "Entenpatschen" zu. Mit diesem Hilfsmittel konnten wir uns auch den Winter über in unserer Lieblingsumgebung aufhalten, ohne zum Schneemann zu werden. Bei jeglichem Wetter wurden Gipfel bestiegen, wobei wir uns manchmal selbst fragten, warum wir uns in beheizter Stube nicht eine weitere Wiederholung der "Weihnachtsgeschichte" zu Gemüte führten. Bei Minusgraden am höchsten Punkt angekommen, waren die Gedanken verflogen. Und so ging es weiter. Ein ums andere Mal. Berg für Berg. Weg für Weg. Am 31. Dezember konnten wir am Linzer Pfenningberg, mit 616m immerhin höher als Wiens höchster Hügel, auf eine gelungene (halbe) Bergsaison anstoßen. Und wir wussten definitiv: Da kommt noch mehr.

Auch im Winter ein Blickfang: Der Große Priel (2.515m)


FORTSETZUNG FOLGT....





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